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Rowohlt-Kontroverse : Zum Kennenlernen

  • -Aktualisiert am

Viel Gequake um den Rowohlt-Verlag Bild: Picture-Alliance

Der schwatzhafte Literaturbetrieb begreift den Wert der Diskretion nicht. Oder wie sonst soll man den penetrant angemeldeten Redebedarf verstehen, den die Rowohlt-Autoren so öffentlich formulieren?

          Kann man schweigen und gleichzeitig lügen? Eigentlich nicht. Schon deswegen wirkt der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung abgedruckte offene Brief „namhafter Autoren des Rowohlt-Verlags“ (Max Goldt, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann, Martin Mosebach, Heinz Strunk, Martin Walser und andere) ungereimt. Gerichtet ist er an Joerg Pfuhl, den Vorstandsvorsitzenden der Holtzbrinck-Buchverlage, zu denen Rowohlt gehört.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Es ist schon der zweite offene Brief – Bedenken, dass sich ein solches Instrument, in dem man doch eher ein für den Notfall gedachtes scharfes Schwert sehen sollte und nichts, was man mal eben so raushaut, abnutzen könnte, scheinen die Autoren nicht zu haben. Hintergrund ist die kürzlich vermeldete Absetzung der Verlegerin Barbara Laugwitz, auf die Florian Illies folgen soll. Damit wollen sich die Autoren offensichtlich nicht abfinden.

          Zuerst schrieben sie: „Die plötzliche Entlassung in Kombination mit der Unmöglichkeit, mit Frau Laugwitz in Kontakt zu treten, empfinden wir als unverständlich und unwürdig.“ Pfuhl ließ ausrichten, die damit insinuierte „Kontaktsperre“ sei ein „Missverständnis“, es handele sich um eine „Verschwiegenheitserklärung“. Eine solche ist nur in beiderseitigem Einvernehmen sinnvoll. Wenn es sie gibt, muss Barbara Laugwitz sie unterschrieben haben – weil auch sie sich Vorteile davon verspricht. Die können in der Abfindungszahlung liegen oder das weitere Verbleiben im Haus betreffen. Denn es ist immerhin denkbar, was man aus einem Kreis, den man für gut unterrichtet halten darf, hört: dass Barbara Laugwitz zwar als verlegerische Geschäftsführerin aufhören, das Haus aber nicht unbedingt verlassen wird.

          Bloß so ein kalter Zahlenmensch

          Für diese Möglichkeit scheint den Autoren die Phantasie zu fehlen. Deshalb werfen sie sich jetzt wieder in die Bresche. Pfuhls Schweigen sei „mehr als unhöflich“ und untergrabe dessen eigene Glaubwürdigkeit, „noch bevor Sie sich bemüht hätten, sie herzustellen“. Kann man das: etwas untergraben, was es (noch) gar nicht gibt? Und wirkt Pfuhl nicht gerade dadurch glaubwürdig, dass er sich (wie Laugwitz) an die Verschwiegenheitserklärung hält? Doch Pfuhl, so die Logik, schweigt und scheut im selben Atemzug nicht davor zurück, „uns, den Autoren des Rowohlt-Verlags, ins Gesicht zu lügen“, indem er, diplomatischen Gepflogenheiten gehorchend, von denen die Autoren womöglich noch nie etwas gehört haben, von ebenjenem „Missverständnis“ spricht, das in der Annahme einer Kontaktsperre liege.

          Ein Milieu, welches dermaßen von Schwatzhaftigkeit geprägt ist wie der Literaturbetrieb, wird den Wert der Diskretion nicht auf Anhieb begreifen und könnte der Abgesetzten mit dem nun schon fast penetrant angemeldeten Redebedarf am Ende eher noch schaden; abgesehen davon, dass immer noch nicht recht ersichtlich ist, worüber denn groß zu reden ist, sofort und, so erzwingt es nun mal ein offener Brief, in aller Öffentlichkeit. „Kaum jemand von uns kannte vor dieser unglücklichen Angelegenheit Ihren Namen“: Sie, Herr Pfuhl, soll das wohl heißen, sind doch bloß so ein kalter Zahlenmensch, der Köpfe rollen lässt, im Grunde ein Niemand. Gut möglich, dass Pfuhl, der vielleicht wirklich einfach nicht gerne redet, jetzt denkt: Na wartet, ihr sollt mich kennenlernen.

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