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Rosenmontagsmüll : Putzmunter: Köln vergisst das Stadtarchiv

Nicht nur die Bierflasche, auch Blumenkränze, Gedenkblätter und Kerzen werden von den Kölner Abfallwirtschaftsbetrieben gewissenhaft entsorgt. Bild: dpa

Kölns Stadtreinigung entsorgt das Gedenken: Was nach Rosenmontag an der Einsturzstelle des Stadtarchivs passierte, ist symptomatisch für den Umgang mit der Tragödie. Er wird von kölscher Gleichgültigkeit dominiert.

          Es war ein schier unmögliches Gedenken an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs in diesem Jahr: Der fünfte Jahrestag fiel auf den höchsten Feiertags des lokalen Frohsinns und drohte so von vornherein unter die Räder des Rosenmontagszugs zu kommen – eine beinahe unheimliche Koinzidenz. Denn nur acht Tage früher wäre die Katastrophe 2009 mit dem Karneval zusammengetroffen.

          Der Oberbürgermeister entledigte sich der Pflicht, indem er schon morgens um halb acht Kränze für die beiden ums Leben gekommenen jungen Männer niederlegte, das traditionelle Frühstück bei den Roten Funken absagte, den Empfang im Rathaus eröffnete und bei den Altstädtern im „Zoch“ mitfuhr. Und die Initiative Archivkomplex wendete eine Karnevals- in eine Gedenkaktion, indem sie Hunderte „Strüßjer“, jene Sträußchen also, die von den Wagen in die Menge geworfen werden, zu einem Blumenteppich an der Einsturzstelle drapierte, um die der Zug herumgeleitet wurde.

          Noch immer kein Grundstein

          Doch nur vier Tage später rückten die Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe an und räumten, immer noch putzmunter, alle Trauerbekundungen ab: die Kerzen, Sträuße, Blumengrüße von Angehörigen der Opfer, Briefe und Gedenkblätter, die am Bauzaun hingen, auch die beiden Kränze mit („Zur Erinnerung an Kevin“, „Zur Erinnerung an Khalil“) den rot-weißen Schleifen. Eine „Panne“, erklärte die Stadt, ein „Missverständnis“, gestand eine Mitarbeiterin des Oberbürgermeisters („Ich habe mich dusselig ausgedrückt“) zerknirscht.

          Und doch auch symptomatisch für den Umgang mit dem Archivverlust, der von einer kölschen Gleichgültigkeit dominiert wird. Das große Umdenken, das unter dem Eindruck des Schreckens proklamiert wurde, hat nicht stattgefunden: Fast anderthalb Jahre hat es gedauert, bis die Stiftung Stadtgedächtnis gegründet, fast noch einmal so lange, bis ein Leiter berufen wurde. Im öffentlichen Bewusstsein ist sie bis heute nicht präsent. Und noch immer ist der Grundstein für den Neubau, der verschoben und abgespeckt wurde, nicht gelegt.

          Selbst die Wissenschaftler vor Ort haben, wie die Archivdirektorin beklagt, so weit den Mut verloren, dass sie die Möglichkeit, Teile der Bestände wieder zu nutzen, mehrheitlich ignorieren. Auch dass sich zu dem ökumenischen Gedenkgottesdienst am Aschermittwoch in St.Georg weniger als fünfzig Bürger einfanden, passt ins Bild. Die Kölner Stadtreinigung, sonst, wie ein flüchtiger Blick auf Plätze und Grünanlagen zeigt, keine sonderlich schnelle Truppe, war im öffentlichen Auftrag unterwegs. Köln kann auch anders? Das ist, fünf Jahre danach, nur der Name einer kleinen, hellwachen Bürgerinitiative.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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