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Rassismus im Theater : Die Rolle seines Lebens

Der Schauspieler Ron Iyamu hat eine Diskussion über Rassismus am Theater ins Rollen gebracht. Bild: dpa

Ron Iyamu scheidet aus dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses aus. Vorübergehend stellt er auch sein politisches Engagement gegen Rassismus ein. In seinen Verlautbarungen wirkt eine unmenschliche Theaterästhetik fort.

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          Ron Iyamu, der mit seiner öffentlichen Beschwerde über rassistische Beleidigungen im Arbeitsalltag eines Stadttheaters einen Skandal und eine anhaltende Debatte ausgelöst hat, ist aus dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses ausgeschieden. Auf seinen Wunsch hin ist ein Aufhebungsvertrag vereinbart worden.

          Iyamu hat für seine Mitteilungen in eigener Sache durchweg zwei Kanäle benutzt. Er hat Journalisten Interviews gegeben und lange Texte über Instagram und Facebook verbreitet. Die sogenannten sozialen Medien fungieren hier als Simulation einer Sphäre vertraulicher Kommunikation. Der Autor äußert sich privat, mit allen Signalen der Authentizität, aber aus dem sicheren Raum heraus führt er eine öffentliche Kampagne. Der Konflikt ist asymmetrisch: Wilfried Schulz, der Düsseldorfer Intendant, hätte sich nicht auf seiner persönlichen Facebook-Seite wehren können – das hätte ihm sogleich den Vorwurf eingetragen, dass er seine Privilegien ausnutze und blind für das Übergriffige seiner Sprecherposition sei.

          Das Paradox seiner Lage

          Iyamus jüngste Mitteilung folgt dem Muster. Auf Facebook gibt er bekannt, dass soeben sein „vorerst letztes Interview“ gedruckt worden sei. Er will sich „auf unbestimmte Zeit“ zurückziehen, weil er so etwas wie einen moralischen Burnout verspürt, die Erschöpfung seiner Widerstandskraft. „Um Theaterstrukturen aufzubrechen, habe ich versucht alles zu geben, paradoxerweise, weil die Theaterstrukturen mir immer vorgeschrieben haben, dass ich alles geben muss.“ Demnach war sein Feldzug die Fortsetzung einer heute gängigen Bühnenpraxis mit anderen Mitteln, eines Theaters des Exzesses, einer Vermischung von Kunst und Leben.

          Offenbar konnte sich Iyamu in den Düsseldorfer Proben die Freiheit nicht herausnehmen, nicht alles zu geben. Es fehlte ihm die Gewissheit, dass noch etwas von ihm selbst übrig blieb, auch wenn er aus sich herausging und alles mit sich machen ließ. So bezog er es auf sich und nicht auf seine Figur, wenn er vom Regisseur „Sklave“ gerufen wurde. Heute hat er das Paradox seiner Lage erkannt, seine Übererfüllung einer unmenschlichen Norm, man könnte auch sagen: eine Struktur der Selbstversklavung. Aber die Vorschrift verwirft er immer noch nicht: Alles zu geben – das bleibt sein kategorischer Imperativ; er unterbricht seine politische Aktivität, weil er fürchtet, ihm derzeit nicht genügen zu können.

          Nur eine Chiffre für Ungerechtigkeit überhaupt

          Eine Ethik der totalen Repräsentation greift aus dem Theater auf unser gemeinsames Leben über. Iyamu will nicht mehr der Schwarze sein, dem nur wegen seiner Hautfarbe eine bei Büchner gar nicht vorgesehene Hauptrolle auf den Leib geschrieben wird. Aber er bleibt der Schwarze, dessen gesamte Existenz vom Status des Opfers absorbiert wird, weil jeder Versuch, die Welt auf die ungerechte Behandlung von seinesgleichen aufmerksam zu machen, angeblich die Ungerechtigkeit reproduziert. So will es die Doktrin des allgegenwärtigen und überall verdrängten Rassismus, die zur Verdrängung des Rassismus allerdings selbst kräftig beiträgt. Denn ein Rassismus, der mit gutem Willen gar nicht zurückgedrängt werden kann, weil die Illusion des guten Willens selbst eine Form des rassistischen Bewusstseins sein soll, ist nur eine Chiffre für Ungerechtigkeit überhaupt.

          Iyamu klagt: „Es wurden unheimlich viele Dinge in mich hineinprojiziert. Auch Dinge, die ich gar nicht angestrebt oder gewollt habe.“ Früher projizierten Zuschauer auf die Darsteller in Theater und Film die Vorstellung, dass ihr eigenes Leben ein anderes werden könnte. Dem Schauspieler, der das mit seiner persönlichen Identität angeblich vorgegebene soziale Schicksal durchspielen muss, sieht man nur Ohnmacht an.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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