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Rommel-Film im Ersten : Seine historische Stunde ging vorbei

Niki Stein: „In dem Moment, in dem ein Schauspieler wie Ulrich Tukur die Figur verkörpert, schafft man natürlich Identifikation“ Bild: SWR / Kerstin Stelter

Der Fernsehfilm über Erwin Rommel, den das Erste in dieser Woche ausstrahlt, beschränkt sich auf die letzten sieben Monate im Leben des Generals. Was Regisseur Niki Stein damit an Breite verliert, gewinnt er an Dramatik.

          Einmal, auf dem Heimweg vom Obersalzberg, erinnert sich Erwin Rommel, wie es früher war. Da steht er mit Hitler im Scheinwerferlicht auf der Tribüne im Berliner Sportpalast, der „Führer“ schüttelt ihm die Hand, und als Rommels Name fällt, jubeln die Massen im Saal . . . Jetzt ist es dunkel und still, eine graue Limousine bringt den Generalfeldmarschall auf der Reichsautobahn zurück an die bröckelnde Front im Westen. Ob er noch einen Abstecher zu Rommels Familie in Herrlingen machen solle, fragt der Fahrer. Und Rommel, aufgeschreckt aus tiefen Träumen, gibt entgeistert zurück: „Was?“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das ist die Geste, die Mimik, die Stimmung, die Niki Steins Film „Rommel“ in unzähligen Varianten wiederholt - das hilflose, traurige Staunen eines Mannes, der sein Leben und seinen Ruhm zusammenbrechen sieht. Wer bin ich, was mache ich hier, wie ist es zu all dem gekommen, scheint Ulrich Tukurs Gesicht immer wieder zu fragen, während er über die Sets dieser Sechs-Millionen-Euro-Fernsehproduktion läuft. Und der Film, im Bemühen, wenigstens dem Zuschauer die Antwort auf diese Frage zu erleichtern, nennt Namen, Zahlen, Stichworte, zeigt den stillen, verbissenen Wahnsinn Hitlers, die Beflissenheit seiner Berater, die deutschen Besatzungsstäbe in Paris, den Heeresgeneralstab in La Roche-Guyon, die Landungsflotte der anglo-amerikanischen Invasion. Aber es bleibt ein Rest von Geheimnis.

          Dreieinhalb Jahrzehnte als Soldat

          Ein Film, der eine historische Figur von ihrem Ende, ihren letzten Lebensmonaten her liest, kann eben nicht jedes Rätsel lösen, er kann nicht erklären, wie aus Erwin Rommel, dem Wüstenfuchs, dem Lieblingsgeneral Hitlers, der erschöpfte Kämpe des Sommers 1944 wurde, wie das Krieger-Idol der Nazis zur Schattengestalt verblasste, die auf der Rückbank eines Wehrmachts-Autos einen einsamen Gifttod starb. Er kann nur erzählen, was sich glaubwürdig zeigen, und andeuten, was sich nicht belegen lässt. Die Lebenskurve, die innere Entwicklung eines Mannes, der dreieinhalb Jahrzehnte lang Soldat war, davon allein neun Jahre im Krieg, kann ein solcher Film nicht nachzeichnen. Dafür gewinnt er etwas, das die Biographistik nicht hat: Dringlichkeit, dramatische Form. „Rommel“ ist ein Drama, keine Dokumentation, darin liegt seine Beschränkung und seine Größe, und wer etwas anderes erwartet, ist im falschen Film.

          Erwin Rommel (1891 bis 1944)

          Eben diese Verwechslung der Formen liegt den Einsprüchen der Familie Rommel und einiger mit ihr verbündeter Historiker zugrunde, die den Film im Herbst vergangenen Jahres noch vor Ende der Dreharbeiten in die Schlagzeilen brachten. Catherine Rommel, die Enkelin des Generals, und ihre Mutter Liselotte, die Ehefrau des Rommel-Sohns Manfred, wollten ihren Vorfahren von dem Vorwurf reinwaschen, er habe bis zuletzt an den „Führer“ geglaubt, und seinen inneren Bruch mit Hitler auf 1942 vorverlegen. Aber ersteres wird in Steins Film gar nicht behauptet, und letzteres bleibt Spekulation. Wahr ist, dass Rommel selbst in seinem berühmten „Ultimatum“ vom 15. Juli 1944 noch auf Hitlers Einsichtsfähigkeit vertraute. Das Schreiben, in dem er als Kommandeur der an der Invasionsfront kämpfenden Heeresgruppe B den Diktator zu Verhandlungen mit den Westmächten aufforderte, erreichte das Führerhauptquartier freilich erst acht Tage später. Inzwischen war das Attentat vom 20. Juli gescheitert, und Rommel selbst lag mit schweren Verletzungen, die er bei einem Tieffliegerangriff erlitten hatte, in einem Pariser Krankenhaus. Seine historische Stunde war vorbei.

          Die Verschwörer nie getroffen

          Diese beiden Ereignisse - Rommels letzter, verzweifelter Versuch, den Zusammenbruch des Deutschen Reiches aufzuhalten, und die Operation „Walküre“, die mit anderen Mitteln ein ähnliches Ziel verfolgte - sind der dramaturgische Fluchtpunkt des Films. Alles, was ihnen vorausgeht, dient dazu, unseren Blick für die historische Tragödie vom Juli 1944 zu schärfen: Rommels Vorbereitungen zur Abwehr der alliierten Invasion, seine fruchtlosen Gespräche mit Hitler, seine Truppenbesuche; und, parallel dazu, die Anstrengungen der Verschwörer, ihn mit Hilfe seines Stabschefs Speidel (Benjamin Sadler) für den Umsturzplan zu gewinnen, den „Faktor Rommel“ für ihre Ziele einzuspannen.

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