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Romantik in Frankfurt : Zahlenzauber

Musik im Garten des Goethehauses: Robert Varady und Vassily Dück spielten auf Bild: Sebastian Cunitz

Frankfurt kommt seinem Romantikmuseum immer näher. Beim Gartenfest im Goethehaus zeigt sich: Spenden für das Projekt und eine gewisse Magie sind untrennbar verbunden.

          In Frankfurt wird derzeit viel Novalis gelesen. Sätze wie dieser sind zu hören: „Im eigentlichen Sinn ist Philosophie ein Liebkosen.“ Oder dieser: „Alle geistige Berührung gleicht der Berührung eines Zauberstabs.“ Und dieser: „Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte.“ Sie liegen, festgehalten in Tinte auf Papier, im Keller des Frankfurter Goethehauses, als Teil der Handschriftensammlung des Freien Deutschen Hochstifts, das sie im geplanten Deutschen Romantikmuseum der Öffentlichkeit zeigen will. Noch ist das Haus, aus dessen Finanzierung mit Hochstift, Bund und Land die Stadt Frankfurt im Frühjahr ausstieg, nur ein Plan. Weil aus ihm mehr werden muss als ein romantisches Fragment, wurde nun ein Sommerfest im Garten des Goethehauses gefeiert, neben dem das Museum errichtet werden soll.

          Es war ein Abend des Dankes an viele der bisherigen Spender, ein Abend daher auch der Zahlen und Figuren. Von ihnen sagt Novalis, das falsche Weltwesen ende erst dann, wenn in ihnen nicht mehr der Schlüssel aller Kreaturen liege. Bis es so weit ist, werden Museen mit ihrer Hilfe errichtet. Deswegen durfte gefeiert werden, dass von den acht Millionen Euro, die das Hochstift seit dem Ausstieg der Stadt mit Hilfe von Unterstützern aufbringen muss, nur noch 2,2 Millionen fehlen.

          Im Dialog mit der romantischen Dichtung

          Seit der Millionengabe des Galeristen Karsten Greve Mitte März haben allein private, nichtinstitutionelle Spender mehrere hunderttausend Euro gegeben. Es vergehe kein Tag ohne weitere Zuwendung, sagte die Hochstiftsdirektorin Anne Bohnenkamp, deren Vorgänger Christoph Perels einige der Novalisfragmente vortrug, die im Keller gehütet werden. Bohnenkamp fügte das hinzu, das seit einigen Wochen die Spendenbroschüre ziert: „Die Welt muss romantisiert werden.“ Sie begriff den Satz als Aufforderung, die Welt neu zu sehen, was die Romantik des frühen neunzehnten unversehens mit der Moderne des frühen zwanzigsten Jahrhunderts kurzschließe.

          Das Gefühl der Zeitgenossenschaft im Gespräch mit den Dichtern rund um Goethe zog sich durch den ganzen Abend mit Auftritten von Alissa Walser, Martin Mosebach und anderen Unterstützern. Eva Demski schließlich schickte Peter Hacks eine Vers-Epistel. Sicher, hieß es in ihren Variationen über sein Gedicht „Bei Arnims“, Dichter lebten im Reich von Rationalität und Spott. Der Romantik Extasen, Träume, Tränen „sind leider nichts für uns“, gab Demski zu. „Und weil wir denen / nachtrauern unser ganzes graues Schreiberleben, / muss es zum Troste dies Museum geben“, endete sie. Wenn es eines Tages neben Goethes Geburtshaus steht, dann nur, weil sein Plan so viele berührt hat, als sei unter dem Haus ein Zauberstab vergraben.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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