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Romanisch reden : Und wie das funktioniert!

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Sprache ist etwas sehr Intimes

Aita, eine Senter Bäuerin, erzählt: „Die Kinder waren begeistert.“ Auf einmal wussten sie mehr als die Erwachsenen. Es war ein Rollenwechsel. Jetzt waren sie die Lehrer! Sie brachten ihre Bilderbücher und Fibeln und zeigten „Quist es üna brümbla“ (das ist eine Zwetschge). Es war sehr intensiv und auch lustig. Ihr Lexikon ist ganz zerfleddert. Sie haben begriffen, dass sie eine besondere Sprache sprechen. Und wir Erwachsenen konnten nicht mehr drum herumreden. Man spricht konzentriert, kommt mit dem wenigsten aus.

Cristina, die heimliche Präsidentin von „A Sent be rumantsch“, sagt: „Im November, in der absoluten Nebensaison, sind vierzig Personen, manche noch mit Partnern, in Sent! Sie wollen in unsere Kultur und Sprache eintauchen. Das macht das Dorf auch stolz. Wir sind ein kleiner, aber nicht mehr zu übersehender Faktor in der Tourismusbranche. Sprache ist ja etwas sehr Intimes.“ Cla erhält nach der Woche jedes Mal begeisterte Mails. Alle sind zufrieden. Sie kommen wieder, manche initiieren bei ihrer Gastgeberfamilie private immersive Wochen. Für Zweitwohnungsbesitzer ist „A Sent be rumantsch“ eine Chance, sich wie natürlich einzuleben. Und dem Dorf tut die Durchmischung gut. „Wir Senter sehen: Aha, so kann man auch denken! Wir bleiben offen. Und dann sprechen sie auch noch unsere Sprache! Sie gehören also zu uns.“

Seit 2014 finden die Romanischwochen nur noch alle zwei Jahre statt. Das Organisationskomitee wollte die Woche frisch halten und möglichen Müdigkeiten vorbeugen. Alle arbeiten mehr oder minder umsonst oder zu minimalem Honorar. Die Kursgebühren liegen bei 950 Franken, Unterricht, Unterrichtsmaterial, Wohnen, Vollpension und Veranstaltungen eingeschlossen. Die Möglichkeit, die Romanischwoche gewinnbringend zu professionalisieren, lehnt das Komitee ab.

Das alte Rätoromanisch ist flexibel. Das ist seine Chance. Die jungen Romanen im Tal mischen es mit Anglizismen und deutschen Wörtern. In Analogie zur Steigerungsform „bunischem“ (sehr gut) bilden sie „coolischem“ oder „geilischem“, oder sie konjugieren das englischdeutsche Wort „chillen“ romanisch: „Eu chill, tü chillast, ella chilla ...“ Und die meist in der Hotellerie arbeitenden portugiesischen Jugendlichen lernen leichter Puter oder Vallader als Deutsch und sprechen damit eine der vier Landessprachen. Das hilft ihnen bei der Einbürgerung. Und erneuert das Romanische. Aber auch die Senter Sprachschüler sind sprachschöpfend. Wer wüsste das besser als der alte Lehrer Cla? „Bütsch“ ist das romanische Wort für Kuss. Und jetzt schickt ihm Inger aus Norwegen zum Dank für die Woche ihre „Trollbütschs“.

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