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Romanisch reden : Und wie das funktioniert!

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Von „sieben“ an wird ihre Stimme leiser

Die Stunde des Spracheids ist gekommen. Gianna-Bettina und der Ombudsmann Manfred sitzen ernst mit den eidesstattlichen Erklärungen am Tisch und rufen Schüler und Gastfamilien einzeln auf. Auf einmal wird es still. Der Senter Romane Duri, Informatiker, und sein Gast Andreas, ein Schuldirektor aus Schleinikon bei Zürich, stehen auf, lächeln sich an und gehen nach vorn. Sie unterschreiben. Nesa, Handarbeitslehrerin, legt Sibyl, einer Übersetzerin, den Arm auf die Schulter und führt sie an den Tisch. Die beiden kennen sich noch nicht. Wer ist hier mutiger? Die Familie, die einen fremden Gast aufnimmt, oder der Gast, der sich mehr oder minder sprachlos einer neuen Gemeinschaft anvertraut? Und plötzlich wird klar, um was es auch geht. Man darf hier lernen wie ein Kind im Schutzraum einer Familie, eines Dorfes. Egal, wie alt man ist. Als Hiroyuki mit Anna vortritt, gibt es spontanen Applaus. Und der kinderkleine Professor lächelt bescheiden, so, als bitte er, seine Demut anzunehmen.

Ida beginnt einen Countdown und zählt auf Deutsch: „Zehn, neun, acht . . .“ Von „sieben“ an wird ihre Stimme leiser, und die romanische Stimme des Ombudsmannes setzt ein: „ses, tschinch, quatter, trais, duos, ün“. Bei „nolla“ schlägt Ida auf einen Gong, und die romanische Zeit hat begonnen. Alle singen zusammen „Cumün in silenzi“ (Cla hat Noten und Text vorab gemailt), und die Schüler gehen mit ihren Familien nach Hause.

Wellnesskur für das Gehirn

Das Wetter spielt mit, als wollte es eine eigene Werbung für die Romanischwoche 2016 inszenieren. Es gibt den engadinblauen Himmel und die Sonne, und dann wieder schneit es, als fielen Vokabeln vom Himmel, Sprachflocken, während man drinnen die ersten Sätze übt – „Quista bes-cha es ün chavagl“ (Dieses Tier ist ein Pferd) – oder schon Inversionen probiert wurden: „Eu chant; hoz chanta“ (Ich singe; heute singe ich). Beim Schlussfest stolpern die Schüler schon selbstverständlich durchs Romanische. Und Ida erklärt: „Sbagls han scharm“ (Fehler haben Charme). „Wir sind gleich Freunde geworden“, sagt Sanna. Sie hat bei dem Postauto-Chauffeur Oscar und seiner Frau Olga gewohnt. Gut, sie könne Italienisch und Französisch, das sei ein Vorteil beim Romanischlernen. Aber diese Woche sei so viel mehr als ein Sprachkurs!

Es gibt Bizocals, Fleisch und Fleischpastete, Salate, bunte Kuchen. Man tanzte zu Klarinette, Akkordeon und Kontrabass, liest Selbstgeschriebenes, spielt Theater. Bis die Gongzeremonie (in den romanischen Countdown bricht nun die deutsche Stimme ein) die romanische Zeit wieder beenden soll. Aber die Schüler zählen romanisch weiter.

Ulli, die Redakteurin aus Tübingen, sagt: „Ich hatte in der Schule Latein, und es ist wunderbar zu beobachten, wie wandelbar es ist. Wie im Vallader so lustige Umlaute auftauchen.“ Und es ist ein zweckfreies Lernen. Man braucht diese Sprache ja nicht. Sie ist ein Luxus, eine Wellnesskur für das Gehirn, man taucht tatsächlich ein. Das Zutrauen wächst, am Ende der Woche denkt man Sätze auf romanisch. Und der Kopf ist erholt. Und als bedrohte Sprache hat das Romanische etwas Verschworenes, etwas von einem Geheimbund.

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