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Romanisch reden : Und wie das funktioniert!

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Mit dem Ombudsmann im Notfall auch deutsch

Die Dorfläden haben Plakate mit dem Logo an den Türen. Andri, Treuhänder und Präsident des Verwaltungsrats der Scuoler Bergbahnen, legt die Korkenzieher für den Apéro bereit. Er ist zuständig für die Finanzen und den Wein. Ida, eine Organistin, breitet auf dem Klavier die Noten für die Senter Hymne „Il cumün in silenzi“ (Das Dorf in der Stille) aus. Manfred, Literaturdozent, kein Muttersprachler, aber romanisch-schwäbelndes Mitglied des Organisationskomitees, bringt den Gong für die Sprachzeit-Zeremonie. Er ist der Ombudsmann. Mit ihm darf im Notfall deutsch gesprochen werden.

Mit dem Postauto über die Wiesen, und ganz am Ende ist Sent: Dort ist man im Herzen dessen, was man Vallader nennt.
Mit dem Postauto über die Wiesen, und ganz am Ende ist Sent: Dort ist man im Herzen dessen, was man Vallader nennt. : Bild: Hauri, Michael

An den Wänden bilden sich Menschentrauben vor den Listen, auf denen steht, wer bei wem wohnen wird. Manche Familie sieht ihren Gast zum ersten Mal. Andere sitzen schon vertraut nebeneinander. Die Sprachschüler vergangener Jahre winken einander zu. Inger, eine pensionierte Stewardess aus Norwegen, entdeckt Doris, eine Sekretärin aus London, beide wedeln in Richtung Ulli, einer Zeitungsredakteurin aus Tübingen. Gut hundert Personen sind anwesend.

Cristina begrüßt alle, die sich auf das Wagnis der fremden Nähe einlassen. Es sei ein Abenteuer, eine bedrohte Sprache zu lernen. Noch etwa 60.000 Menschen sprechen Romanisch. Aber was heiße Bedrohung! Auch das Deutsche sei – im Unterschied zum Chinesischen etwa – in weiterer Zukunft seiner Existenz nicht allzu sicher. Es gelte die Gegenwart! Ida stellt die Lehrer vor. Es unterrichten die Senter Schwestern Madlaina und Corina, beide Bäuerinnen und Romanisch-Lehrerinnen, und diesmal macht auch Corinas Tochter Nataglia, eine Primarlehrerin, mit. Reto, der Vierte im Bund, ist Lehrer in Scuol. Manch einem wird jetzt bang.

Diese Sprache ist doch wie Musik

Scheu lächelt Hiroyuki, fünfzig Jahre alt, an der Seite von Anna, einer Schreinerin, die mit ihrem Mann, einem emeritierten Geologen der ETH Zürich, nach Sent gezogen ist; beide haben schon fließend Romanisch gelernt. Hiroyuki aber kommt von der Universität Osaka. Er interessiert sich für kleine Sprachen, die noch überleben. Er kenne romanische Literatur, sagt er leise, soweit sie ins Deutsche übersetzt sei. Aber er möchte sie im Original lesen. Natalie, 31, die jüngste Teilnehmerin, arbeitet in Zürich für eine Marketingfirma. Aber ihr Vater sei Engadiner. Sie wolle zu ihren Wurzeln zurück. Georges, sechzig, sagt, er möchte aus Respekt Romanisch lernen. Als Tscheche kam er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings als Zwölfjähriger mit der Familie in die Schweiz, heute lebt er als Arzt in Zug und hat seit kurzem eine Ferienwohnung in Sent.

Verena, 72, spricht schon drei der Schweizer Landessprachen; Romanisch fehlt ihr noch. Und jetzt hat die Mutter zweier Buben und Großmutter zweier Enkel Zeit. „Soll ich in eine Migros-Klubschule gehen?“ Sie schüttelt den Kopf: Nein, sie wolle in eine Familie! Marc, 46, Physiker, ist mit einer Engadinerin verheiratet. Die beiden leben im Emmental, kommen aber seit fünf Jahren jede Winterferien nach Sent. Seine Frau spreche Vallader. Er höre diese Sprache so gern, das sei doch wie Musik. Sanna, 73, hat als Kind im Engadin Skifahren gelernt, schon immer wollte sie Romanisch lernen. Sie hat in der Haute Couture gearbeitet, sich mit 35 Jahren selbständig gemacht und mit fünfzig zu klettern begonnen. Seit einem knappen Jahr ist sie von ihrem Mann getrennt. „Ich bin das ganze Leben am Anfangen!“ Sie strahlt. „Ich kann kein Wort Romanisch und habe keine Ahnung, wie das funktionieren soll!“

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