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: Romane schreiben, wie der Schuster Schuhe macht

Wenn es einem gelingt, sich das Schreiben von Romanen ausnahmsweise wie das Atmen, Essen oder Zähneputzen vorzustellen, wie etwas Natürliches, das jeden Tag getan werden muß, unabhängig von Launen, Terminen, bösen Träumen oder Verdauungsbeschwerden ...

          14 Min.

          Wenn es einem gelingt, sich das Schreiben von Romanen ausnahmsweise wie das Atmen, Essen oder Zähneputzen vorzustellen, wie etwas Natürliches, das jeden Tag getan werden muß, unabhängig von Launen, Terminen, bösen Träumen oder Verdauungsbeschwerden und erst recht unberührt von Musenküssen oder genialischer Eingebung - wenn einem dieser einfache und zugleich schwierige Gedanke klar vor Augen steht, dann hat man ein Bild des englischen Schriftstellers Anthony Trollope.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der viktorianischste aller Viktorianer wurde 1815 geboren und starb 1882, kein kurzes Leben damals. Aber seine schöpferische Bilanz überspült jedwede Kalkulation: Trollope schrieb siebenundvierzig Romane. Zwanzig davon sind über fünfhundert, neun weitere mehr als siebenhundert Seiten dick. Ferner verfaßte er Erzählungen, Reisebücher, ein zweibändiges "Leben Ciceros", eine nicht ganz dünne Autobiographie, viele Essays und sehr viele Briefe. Man verteile zwölf Millionen Wörter auf eine Produktionsspanne von fünfunddreißig Jahren, und man hat einen ungefähren Begriff von den Dimensionen. An Trollopes Stuhl in der Literaturgeschichte wird also immer das Schildchen baumeln: Dies ist der Mann, der mehr schrieb als alle anderen. Dabei müßte es heißen: der mehr bleibende Romane hinterlassen hat als irgend jemand sonst.

          Denn er wird nach wie vor unterschätzt, obwohl seine Bewunderer Legion sind. Nur handelt es sich bei der Kaste der Trollope-Fans mehrheitlich um Leute, die wenig Lärm machen. Die meisten sind ganz zufrieden damit, ihren Autor für sich zu haben. Sir Alec Guinness mochte nicht schweigen und schrieb die schönen Sätze: "Ein kluger Mann sagte mir, von einem großen Romanschriftsteller würde ich mehr lernen als aus jeder anderen Quelle. Ich glaubte ihm nicht. Jetzt würde ich nicht im Traum daran denken, ohne einen Trollope-Roman in den Urlaub zu fahren." Kürzer faßte sich der Dramatiker Noel Coward: "Thank God for Trollope!"

          Wir glauben ja, ungefähr zu wissen, wie literarische Größe auszusehen hat. In Trollopes Fall lägen wir damit falsch. Denn der Mann schadete sich nicht nur durch sein rustikales Äußeres. Er war ein Schriftsteller, der das Wie seiner Kunst immer vor das Was und Warum geschoben hat. So daß schon seine Zeitgenossen das Wie für das Eigentliche nahmen und gleich Bescheid zu wissen glaubten. Ah, ein neuer Trollope-Roman! Schon wieder einer! Wie lange ist es her, seit der letzte erschien? Drei Monate? Vier? Zuverlässig wie ein mittelgroßer Industriebetrieb spann der literarische Routinier sein Erzählgarn. Und die Gewöhnung wattierte den Überschwang, auch bei seinem Publikum. Behaglich, konservativ, unterhaltsam, aber nie ekstatisch: das war der Trollope, der auf dem Höhepunkt seiner Wirkung, zwischen 1860 und 1870, mit seinen ironischen Sittenporträts Hunderttausende viktorianischer Leser und die Benutzer der Leihbibliotheken an sich band.

          Das Gestöber

          der Weltpartikel ordnend

          Sich über ein einziges Buch von ihm zu beugen mag etwa so sonderbar wirken, als wollte man einen Stier durchs Mikroskop betrachten. Aber dieser einzelne Roman, "Die Türme von Barchester", ist jetzt bei Manesse in der Übersetzung von Andrea Ott erstmals auf deutsch erschienen, und da wir sonst beschämend wenig von ihm haben, lohnt sich ein Blick auf Vorder- und Hintergrund des Trollope-Panoramas.

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