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Roman Polanski im Gespräch : Es ist doch komisch, finden Sie nicht?

  • Aktualisiert am

Wieder liefert das Theater die Vorlage: Nach „Der Gott des Gemetzels“ bringt Roman Polanski „Venus im Pelz“ von David Ives ins Kino Bild: Dario Pignatelli/Polaris/laif

Wie viel Polanski steckt im neuen Polanski? Im Interview spricht der Regisseur über die unvermeidliche Suche nach dem Leben im Werk und erklärt, warum sein neuer Film „Venus im Pelz“ eine feministische Komödie ist.

          9 Min.

          Paris, ein goldener Vormittag im Oktober. Ein Café in der schicken Rue de Montaigne, in der Roman Polanski seit nunmehr 35 Jahren lebt. Verheiratet, zwei Kinder, Filmregisseur. Nicht zu glauben, dass er 80 Jahre alt sein soll, er wirkt wie junge 60. Spitzbübisch, wach, streitlustig, aber auf eine gute, zugewandte Art. Wir ziehen uns in den ersten Stock zurück, in dem außer uns um diese Uhrzeit niemand ist. Nur eine Frau, die während des Interviews höflich um uns herum staubsaugen wird.

          Ihr neuer Film ist eine Komödie. Ein Zweipersonenstück - ein Mann, eine Frau -, das in nur einem Raum spielt und mehr oder weniger von Geschlechterrollen handelt.

          Ah, ich bin froh, dass Sie ihn gesehen haben. Ja, es ist offensichtlich, dass es eine Komödie ist, nicht wahr?

          Ja. Ich habe ja bei Ihnen folgenden Verdacht: Kann es sein, dass Sie Ihre Filme oft lustiger meinen, als das Publikum sie auffasst?

          Ja, das ist so. Sehr oft. Das passiert mir aber auch in Gesprächen - dass mein Gegenüber meine Witze nicht versteht.

          Oh, dann werde ich da jetzt sehr auf Humor achten. Ihre Frau, Emmanuelle Seigner, die zusammen mit Mathieu Amalric in diesem Film spielt, hat über „Venus im Pelz“ gesagt, er sei feministisch. Finden Sie das auch?

          Na ja, wenn sie das sagt, dann muss ich das wohl auch finden. Ich habe schon bemerkt, dass Frauen dieser Film gefällt. Wahrscheinlich weil er mit Klischees spielt und sie bricht. Das nennen Filmstudios den Arc, den Handlungsbogen - das mögen die: Wenn ein Charakter an einem Punkt beginnt und sich im Lauf des Films komplett wandelt. Ist ja auch interessant.

          Unterwerfung als feministischer Akt: Vanda (Emmanuelle Seigner) hält Thomas (Mathieu Amalric) den Fuß hin
          Unterwerfung als feministischer Akt: Vanda (Emmanuelle Seigner) hält Thomas (Mathieu Amalric) den Fuß hin : Bild: Prokino

          Sie waren auf der Filmschule. Haben Sie da etwas über Handlungsbögen gelernt?

          Überhaupt nicht, kein bisschen, nein.

          Haben Sie Bücher darüber gelesen, wie man Drehbücher schreibt?

          Nicht nur, dass ich nie eines gelesen habe, ich bin auch davon überzeugt, dass es unmöglich ist, jemandem Drehbuchschreiben beizubringen. Tippen, das kann man beibringen.

          Sie machen das also nach Gefühl.

          Ja, ich glaube.

          Dies ist Ihr zweiter Film in Folge, der auf einem Theaterstück basiert. Beide Male haben Sie das Drehbuch zusammen mit dem jeweiligen Autor geschrieben: „Gott des Gemetzels“ mit Yasmina Reza - diesmal mit David Ives. Ist das eine einfache Zusammenarbeit?

          Sehr einfach. Ich merke schnell, ob ich mit einem Autor an einer Adaption zusammenarbeiten kann. Das gilt auch für Robert Harris, mit dem ich den „Ghostwriter“ gemacht habe.

          Mit ihm arbeiten Sie an einem Film über die Dreyfus-Affäre.

          Ja, wir schreiben gerade das Drehbuch. Wir hatten die Arbeit daran unterbrochen, als ich „Venus im Pelz“ gemacht habe, und er hat die Zeit genutzt, aus dem Stoff einen Roman zu machen. Sein Buch ist vor kurzem erschienen. Es heißt „An Officer and a Spy“.

          Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des Offiziers Georges Picquart, der auf der Suche nach Beweisen gegen Dreyfus, von dessen Schuld er überzeugt war, auf entlastendes Material stieß. So fiel auch er in Ungnade. Eine wahre Geschichte.

          Kein Opfer männlicher Lust: Emanuelle Seigner spielt die Schauspielerin Vanda
          Kein Opfer männlicher Lust: Emanuelle Seigner spielt die Schauspielerin Vanda : Bild: Prokino

          Richtig. Ich merke, Sie sind vorbereitet. (Lacht.)

          Ich habe mich gefragt, was Sie, Roman Polanski, an der Affäre Dreyfus interessiert. Vermutlich nicht in erster Linie Antisemitismus, oder?

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