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Londoner U-Bahn-Rolltreppen : Steh-Wahnsinn

  • -Aktualisiert am

56 Millionen Fahrgäste passieren die Station Holborn jedes Jahr. Für Optimierungen im Ablauf haben die meisten von ihnen wenig übrig. Bild: Picture-Alliance

Auf einer Seite steht, auf der anderen geht man in den Rolltreppen der Londoner U-Bahn. In der Station Holborn wird die hundert Jahre alte Regel außer Kraft gesetzt – aus gutem Grund, aber ohne Erfolg.

          Wer hat sich nicht schon einmal über den Ausländer geärgert, der in seliger Unwissenheit der stillen Missfallensbekundungen einer hinter ihm anschwellenden Menge eiliger Pendler tumb auf der linken Seite einer Rolltreppe der Londoner U-Bahn steht? Die seit etwa hundert Jahren geltende Benimmregel „rechts stehen, links gehen“ gehört freilich zu den britischen Eigenwilligkeiten, die dazu ausgedacht zu sein scheinen, Verwirrung zu stiften. Schließlich lernt man, dass im Vereinigten Königreich Linksverkehr herrscht, weil man ja dort gern seinen eigenen Kopf hat. In der U-Bahn aber ist es umgekehrt.

          Nun wird in der verkehrsreichen Station Holborn einige Wochen lang die Welt auf den Kopf gestellt: U-Bahn-Nutzern wird durch Sprechtrichter verordnet, auf der Rolltreppe links und rechts zu stehen und nicht zu gehen. Hier und da stellt sich auch ein U-Bahn-Angestellter auf der rechten Spur zwischen die Menge, um Aufsässige zum Gehorchen zu zwingen. Hinter dem Experiment steht das Kalkül, den Stau der Rechtsgänger unten auf der Treppe zu lindern und somit zur Hauptverkehrszeit durchschnittlich mehr Menschen zu transportieren, auch wenn dies das Tempo der Ungeduldigen auf der Überholspur verlangsamt.

          Gegen die Technik des Lebens

          Bei vielen Linksgängern, die sich einbilden, dass einmal Treppensteigen Ausgleich schaffe für ihren sesshaften Lebensstil, bringt die Weisung auch das Fitnessprogramm durcheinander. Sie stellt das höfliche britische Wesen, das sich auf seine Ordnungsliebe einiges zugutehält, freilich auch vor das Dilemma, sich höflich zu fügen oder das ebenso tief sitzende Recht auf individuelle Freiheit zu behaupten. „In Holborn sind alle ungeheuer erheitert, dass die Menschen die munteren Anweisungen der U-Bahn-Kontrolleure ignorieren“, kommentierte eine Nutzerin das Experiment, das auf Twitter als der „Steh-Wahnsinn“ bezeichnet worden ist. „Ich kann zum Glück berichten, dass niemand zuhört“, fügte eine andere Stimme hinzu. Studien haben ergeben, dass nur ein Viertel der U-Bahn-Nutzer auf der Rolltreppe zu gehen pflegt.

          Das Argument, dem zufolge sich die wenigen zum Nutzen aller einschränken sollten, scheint auf unfruchtbaren Boden zu stoßen. Georg Simmel behauptete in seinem 1903 veröffentlichten Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“, dass die tiefsten Probleme des modernen Lebens aus dem Anspruch des Individuums resultieren, „die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren“. Das Londoner Experiment beweist, wie recht er hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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