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Rollenreportage : Der Mann, der Günter Wallraff war

  • -Aktualisiert am

Günter Wallraff: wieder undercover Bild: Jens Gyarmaty

Vierzig Jahre fremde Rollen, um Unrecht aufzudecken: Wie lebt es sich eigentlich als Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist? Ein Tag undercover.

          Vor ein paar Tagen habe ich Günter Wallraff im Fernsehen gesehen. Es war nicht die Dokumentation, in der er wieder einmal verkleidet die wieder einmal skandalösen Arbeitsbedingungen einer Branche enthüllte, es war die Ankündigung dafür. Günter Wallraff stand vor der Kamera und hielt sich Fotos früherer Recherchen vor das Gesicht. Der rußverschmierte Ali aus dem Stahlwerk, der haifischhafte Reporter von der Bild-Zeitung, der angemalte Flüchtling mit der Kraushaarperücke. Es waren Fotos seiner größten Enthüllungen, und zu jedem Satz des Kommentators zog er sich eins davon vom Gesicht.

          „Dieser Mann war als türkischer Gastarbeiter ganz unten. Dieser Mann entlarvte undercover Deutschlands größte Zeitung. Dieser Mann reiste als Schwarzer durch Deutschland. Dieser Mann...

          „...bin ich“, sagte Günter Wallraff.

          Er sah direkt in die Kamera, mit seinem eigenen Gesicht, das bis auf die blitzenden Augen plötzlich ganz wächsern wirkte, so als sei dieser Kopf immer nur die Form, auf die ein Gesicht erst aufgezogen werden muss. Seit mehr als vierzig Jahren nimmt Günter Wallraff die Identitäten anderer Menschen an, um die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung und die Ausgrenzung, die ihnen widerfährt, als Skandal zu enthüllen. Er hat sich dazu so oft verkleidet, verstellt und geschminkt, dass ich mich auf einmal fragte, ob er überhaupt noch weiß, wie es ist, er selbst zu sein.

          Wie ist es, Günter Wallraff zu sein?

          In seinen Reportagen heißt es an dieser Stelle meist: „Das wollte ich herausfinden.“ Fast ebenso häufig heißt es danach: „Um es gleich zu sagen: Es war schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte.“

          Das Wallraff-Gefühl finden

          Das Deutsche Theater in Berlin. Der Chefmaskenbildner Andreas Müller will mir bei der Recherche helfen. Er hat am Vortag nach Maßen meines Kopfes eine Glatze aus Latex gestrichen, die er mir nun aufklebt, während seine Assistentin ein Büschel graue Haare in kurze Stücke schneidet, damit er später mit ihnen dasselbe macht. Aufgeregt sitze ich vor dem Spiegel und sehe mir bei der Verwandlung zu, von der Andreas Müller aber gleich sagt, dass es nur eine äußere ist.

          „Die Maske kann aus Dir keine andere Person machen. Aber sie kann Dir helfen, in Dir selbst das Gefühl zu finden, das Du für den Anderen brauchst.“

          Ich bin Günter Wallraff nie begegnet. Ich kenne seine heisere Stimme nur aus Interviews im Radio, ich weiß nicht einmal, wie groß er ist. Aber ich habe gelesen, dass er den Marathon in vier Stunden und zehn Minuten läuft, weshalb ich annehme, dass er sich noch immer sehr sportlich bewegt. Auf den letzten Fotos, die ich von ihm gefunden habe, trägt er bei öffentlichen Auftritten meist eine randlose Brille und ein hellblaues Hemd, unter dem ein weißes T-Shirt hervorschaut. Vor allem um die Augen, aber auch von der Nase bis zu den Mundwinkeln hinunter ist sein Gesicht von tiefen Falten durchzogen.

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