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Rolf Hochhuth wird achtzig : Zorro, der Rächer der Recherchierten

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Nichts darin lebt. Noch die schärfste Anklage bleibt hilfloses, aber bemüht raschelndes Ideen- und Thesenpapier. Was nicht hindert, dass in Wien noch Ende der achtziger Jahre eine "Stellvertreter"-Aufführung von katholisch-reaktionärem Studentenverbindungspöbel niedergeschrien, dass in München "Stellvertreter"-Aufführungen lange überhaupt unerwünscht waren. Es lag am Stoff. Nicht am Stück. Dieses Nicht-Stück hatte die ungeheuerste Wirkung, die ein Drama wohl je hatte.

Enthüllungen sonder Zahl

Und so war (und ist) es aber immer mit ihm: Wirkung ohne Ursache. Hochhuth recherchiert die Kriegsrichtervergangenheit eines baden-württembergischen Ministerpräsidenten, was diesen ganz real das Amt kostet, was bis dato noch kein Dramatiker geschafft hatte - und macht aus diesem Filbinger-Fall eines "fürchterlichen Juristen" ein fürchterliches, kolportageverschmocktes Theaterstück ("Die Juristen"). Oder er enthüllt, dass der englische Kriegspremier Churchill aus Rücksicht auf seinen Alliierten Stalin den polnischen Exil-Premier Sikorski hat liquidieren lassen ("Soldaten"), was die britische Regierung auf die Barrikaden und zu Schadensersatzforderungen trieb, was bis dahin auch noch keinem Dramatiker gelang - und macht daraus ein nahezu unspielbares, gestelztes Szenenmonstrum. Oder er lässt Waffengeschäfte im Mittelmeerraum ("Lysistrate und die Nato") oder die windigen Geschäfte der Treuhand im wiedervereinigten Deutschland ("Wessis in Weimar") oder die Machenschaften der blutplasmapanschenden Pharma-Industrie ("Ärztinnen") oder die Schicksale der Arbeitslosen ("McKinsey kommt") oder gleich den ganzen Ersten Weltkrieg ("Sommer 14") zu Riesenskandalen werden, jeweils tagesaktuell begleitet von den Erregungsreaktionen der zuverlässig auf ihn anspringenden politischen Gegner (was sonst, abgesehen vom doch sehr solitären Wiener "Heldenplatz"- Skandal des Thomas Bernhard selig, auch noch keinem Dramatiker derart vergönnt ward) - und verfertigt daraus Zettelkastenkartenhäuser, die zuverlässig unter einer riesigen Dokumentenlast zusammenknicken und sich als "Drama" äußerst notdürftig maskieren.

Hochhuth, wäre er eine Hollywood-Figur, fungierte wohl als Zorro, der Rächer der Recherchierten, denen er mit unbändigem Mut, aufrechter Haltung und nie nachlassender politischer Einmisch-Laune die Bahn freischießt. In der Unbeirrtheit seiner Methode ist er eine durchaus imponierende Gestalt. In diesen Tagen wird im Jüdischen Theater in Berlin sein neues Stück uraufgeführt ("Gasherd und Klistiere"), in dem Hochhuth die welt- und kriegsbewegenden Darmblähungen Adolf Hitlers wahrscheinlich wieder sehr gründlich dem Archiv entreißt.

"Der Mut, mit dem Rolf Hochhuth brisante Themen aufgreift, wird weit übertroffen von dem Mut, mit dem er sich auf seine dramatischen Talente verlässt", schrieb der Theaterkritiker Georg Hensel in seinem "Spielplan" über den Dramatiker, der am 1. April seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Netter kann man es nicht sagen.

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