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Roland Kochs Abschied : Politik ist nicht sein Leben

Hielt brutal für steigerungsfähig: Roland Koch im Kampagnenbus 2008 Bild: REUTERS

Er kam, sah und zog durch - mit einer Energie, die man für die aggressive Aufgipfelung eines Vollblutpolitikers hielt. Zu welchem Übergriff wäre er wohl noch fähig gewesen, wenn er mit dem Amt verwachsen gewesen wäre? Abschied von Roland Koch.

          Warum hat ihn keiner geliebt? Warum hatte die Parole „Koch muss weg!“ etwas beinahe schon erschreckend Selbstverständliches, nicht weiter Erklärungsbedürftiges, so dass sie auch bei Unions-Getreuen zu verfangen schien? Warum meint man jetzt, da Koch den Abschied nimmt, eine Eisigkeit hinter den vielen warmen Worten zu spüren?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          „Es ist ein Verlust für die deutsche Politik“, erklärte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff so steif wie feierlich zu der Ankündigung Kochs, von allen seinen Ämtern zurückzutreten. „Für mich war er immer ein kluger Kopf und politischer Freund.“ So dass jedermann im Subtext vernimmt: und nicht etwa ein persönlicher Freund! Ist bei der SPD gar mehr Betroffenheit als bei der CDU zu spüren? Es scheint nur so. Als „politisches Erdbeben“, als „Erschütterung für die CDU Deutschlands“ hat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck den überraschenden Rückzug bezeichnet. „Nicht nachvollziehbar“: Was wie menschliche Solidarität über Parteigrenzen hinweg aussieht, wie persönliche Bestürzung, ist ein politischer Angriff. Becks Eiseshauch weht im Nachsatz: „Wenn Koch seinen Rücktritt erklärt, kann er andererseits nicht sagen, ich regiere noch drei Monate weiter. Das passt nicht zusammen. Da ist noch vieles erklärungsbedürftig.“ Lässt man Koch denn gar nichts durchgehen, niemals? Warum ist das so?

          Es musste nur passen

          Wer ihn kenne, sagte Koch am Dienstag in der Wiesbadener Staatskanzlei, der wisse, dass er das, was er sich vorgenommen habe, auch „durchziehe“. Koch war ein Durchzieher mit Haut und Haar. Er kam, sah und zog durch. Er tat das mit einer Energie, die man für die aggressive Aufgipfelung eines Vollblutpolitikers hielt. Nun erfährt man, dass sein Blut gar nie in Wallung war, dass er immer auch ganz anders gekonnt hätte: „Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens. Aber Politik ist nicht mein Leben. Ich war immer sehr vorsichtig, dass Mensch und Amt nicht miteinander verwachsen“, erklärt er jetzt. Das klingt im besonderen Fall unheimlich. Koch hatte mehr persönlichen Spielraum als gedacht! Er war nicht Opfer seiner selbst! Nicht durch ein politisches Affektmuster determiniert! Der Wirtschaft, in die es Koch zieht, hat der scheidende Ministerpräsident eine Denksportaufgabe hinterlassen: Zu welchen Übergriffen mag er fähig sein, sollte seine Person erst einmal mit dem Amt verwachsen sein? Was mag da möglich sein?

          Nicht die Durchsetzungsstärke, sondern der Anschein unangefochtener Überzeugungslosigkeit, mit dem er die Dinge durchzog, sorgte dafür, dass ihn keiner liebte. Wer ihn kenne, der wisse, er stehe zu seinen Überzeugungen, sagte Koch gestern. Er zog die Überzeugungsrhetorik bis zuletzt durch, aber wer ihn kannte, der wusste, dass Koch zu keinem Zeitpunkt der konservative Hardliner im Dienst bedrohter Bürgerlichkeit war, als der er sich hinstellte. Nein, auch in der wohlwollenden Lesart blieb er einfach nur Hardliner, ohne Adjektiv, gewohnt, die schwache Sache zur starken zu machen. Es reichte die Überzeugung, das bessere Wissen, dass es gerade passte.

          Der Geschmack von politischem Bandenwesen

          Gefälschte Rechenschaftsberichte? Passt schon. Die Inszenierung der Kriminalität als Ausländerdebatte? Passt schon. Die geradezu triumphalistische, in immer neuen Anläufen geübte Beschneidung der Schulen und Hochschulen? Passt schon. Koch presste den Hochschulen die Etatkürzungen noch zu einem Zeitpunkt ab, als sein Abgang schon auf den Dienstag nach Pfingsten terminiert war. Das macht sie zu einem Akt politischer Infamie. Und das Reindrücken eines Nachfolgers, der im Zwielicht der Vetternwirtschaft steht? Passt schon – eine „Sauerei“, wer „kübelweise Dreck“ auf Volker Bouffier kippe, rief Koch im Abgang, wie um mit Kraftausdrücken vom besseren Wissen abzulenken. Bouffier hat mit diversen Affären zu kämpfen und sieht sich derzeit einem Untersuchungsausschuss gegenüber. Ihm wird vorgehalten, im persönlichen Durchgriff einen Parteifreund zum Präsidenten der hessischen Bereitschaftspolizei ernannt zu haben, ohne hinreichende Berücksichtigung der vorgesehenen Prozeduren. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat das Vorgehen des Ministers als „grob rechtswidrig“ eingestuft. Wenn Kochs Wunschkandidat Regierungschef wird, dann wird Parteigeschlossenheit in Hessen den Geschmack von politischem Bandenwesen nicht los.

          Wie Koch Bouffier reindrückt, so hat er Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur rausgedrückt: bürgerliche Standards mit Bürgerrhetorik verspottend. Koch ein Überzeugungstäter? Er wäre liebenswert gewesen. Aber wer liebte, eisig-überspitzt formuliert, einen politischen Intensivtäter, dem keine Überzeugung eine Grenze zu ziehen schien? Dass man jemandem alles zutraut, ist auch für Politiker ein zweifelhaftes Kompliment. Losung? Brutalstmöglich! Dass Koch brutal für steigerungsfähig hielt – diesen rhetorischen Dreh hat ihm der Volksmund nicht verziehen. Er hat ihn vielmehr brutalstmöglich gegen den Sprachverdreher selbst gewendet.

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