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Russische Rockband am Pranger : Anleitung zum Saufen?

  • -Aktualisiert am

Eine Schande für Petersburg? Bandleader Schnurow (Zweiter von links) sorgt sich doch nur um den Durst seiner Landsleute. Bild: Picture-Alliance

Das neue Lied „In Petersburg trinkt man“ der Band „Leningrad“ gefällt den Ordnungshütern nicht. Dabei halten sich die Musiker doch nur an die Vorschriften, die Zar Peter der Große erlassen hat.

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          Die für ihre Fluchtexte berühmte Petersburger Rockband „Leningrad“ hat einen neuen Hit gelandet, „V Pitere pit’“, zu Deutsch: In Piter – so lautet der Kosename der Stadt – trinkt man. Bandleader Sergej Schnurow liefert damit das Lied zur Krise. Russlands Städte würden jedes Jahr schöner, sie versänken in Sonne und Schnee, singt Schnurow mit Reibeisenstimme zum pulsierenden Beat. Rostow biete tolle Haschplatten, Moskau geiles Pulver; in Piter aber heiße es zu trinken.

          Auf dem Videoclip, der schon neun Millionen Mal im Netz angeklickt wurde, sieht man fünf einfache Petersburger, die bei ihrer Arbeit zur Verzweiflung getrieben werden: Der Bankangestellte wird vom Chef zur Schnecke gemacht, die Kioskverkäuferin vom Besitzer, die Museumsführerin von Null-Bock-Schülern, der Taxifahrer von seinem Navigator, der Polizist von Kollegen. Alle schicken zum Henker, was sie peinigt, und ziehen, eine Wodkaflasche an den Lippen, gemeinsam durch die nächtliche Stadt. Das Video hat örtliche Experten für das gute Leben schon zu einer nächtlichen Alkohol-Stadrundfahrt in einer chauffierten Limousine inspiriert.

          Am vergangenen Freitag ließen sie sich von einem Bar-Mobil erstmals zu den diversen Drehorten von „In Petersburg trinken“ kutschieren. Der Vorsitzende des Stadtkomitees für Tourismus, Viktor Kononow, bedankte sich sogar bei „Leningrad“, weil ihr neuer Song die Attraktivität der Stadt für Reisende erhöhe. Doch die Ordnungshüter sind alarmiert. Auf Initiative des Abgeordneten der Stadtduma, Jewgeni Martschenko, prüft die Staatsanwaltschaft derzeit, ob der Clip Propaganda für Alkoholismus enthalte. Auch Blockadeveteranen- und Kriegsversehrtenverbände sowie Pensionäre verschiedener Staatsorgane finden, das Musikvideo sei eine Schande für Petersburg, zumal es Übergriffe auf die Staatsgewalt verherrliche.

          Ein ehrenvoller Tod

          Tatsächlich wird der Polizist von rebellischen Bürgern in die Newa geworfen, verzeiht ihnen jedoch nach einem kräftigen Schluck aus der Flasche. „Trinken in Piter“ könnte leicht Anlass für einen neuen Strafprozess werden, der ein Exempel statuiert. Da die Machthaber die Wirtschaft der Agonie überlassen, immer weniger Staatsangestellte mit immer absurderen Finanzkontrollen malträtieren, eigenes Kapital aber außer Landes schaffen, erscheint es allzu verständlich, dass der Russe vorübergehende Erlösung bei Hochprozentigem sucht, das schon so manchen Nervenzusammenbruch und Herzinfarkt verhindert hat.

          Bandleader Schnurow lässt sich freilich nicht so leicht erschrecken. Als Antwort auf die Überprüfung versandte Schnurow über Twitter die Verhaltensvorschriften von Zar Peter dem Großen, dessen Trinkfestigkeit gefürchtet war, für seine Gelage. Essen solle man mäßig, heißt es darin, trinken aber, solange die Beine tragen; danach sei im Sitzen weiterzutrinken. Nur einem Liegenden solle man nichts weiter einflößen, auch wenn er das möchte, er könne sich nämlich verschlucken. Wenn sich aber doch einer verschluckt und daran stirbt, so gebühre ihm Ruhm, denn ein solcher Tod sei in Russland von Alters her ehrenvoll.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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