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Künstliche Intelligenz : Roboter hinter Gittern

  • -Aktualisiert am

Dass sie sich „kreativ“ betätigt, ist nicht das Problem, ihre Kameraaugen und ihr Modem sind es schon: Ai-Da 2019 vor einem ihrer Werke. Bild: Reuters

In Ägypten wurde die malende Androidin Ai-Da von den Sicherheitsbehörden tagelang „festgenommen“. Das Engagement der britischen Botschaft für ihre Freilassung sollte beispielhaft sein.

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          Dass Automatenfrauen nicht unbedingt spontan Vertrauen wecken, können wir gut verstehen: Neulich rollte im Bonner Haus der Geschichte ein zweiäugiger Serviceroboter namens Eva auf wirren Parabelbahnen um uns herum und wollte dabei etwas über ein Flüchtlingsboot erzählen. Ob man das als eine surreal anmutende, technikverliebte Spielart der medialen Vermittlung humanitärer Katastrophen empfindet oder als Speerspitze der edukativen Mensch-Maschine-Interaktion feiert, bleibt wohl Geschmackssache. Beruhigend ist zweifellos, dass auf Evas Vorderseite statt eines Bauchnabels gut sichtbar der Notknopf zum Ausschalten prangt.

          Einen solchen haben die Sicherheitsbehörden in Ägypten offenbar vergeblich bei der zeichnenden, malenden, Skulpturen schaffenden und sprechenden Androidin Ai-Da gesucht. Konstruiert von einer britischen Roboterfirma nach der Idee des geschäftstüchtigen Oxforder Galeristen Aidan Meller, gleicht die Automate einer hübschen Schaufensterpuppe mit heller Haut und dunklem Haar. Dieser Wokeness und Feminismus gleichermaßen spottende, gefällig-gehorsam weibliche Auftritt der von einem Mann erdachten Kreativdienerin mit Teilautonomie konnte die alarmistischen Bedenken in Ägypten indes nicht zerstreuen.

          Am Fuße der Pyramiden

          Eingeladen worden war Ai-Da – der Name soll auf die Mathematikerin Ada Lovelace, auf Verdis Oper und die englische Kurzform für Artificial Intelligence, AI, anspielen –, um bei einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst auf dem Plateau bei den Pyramiden von Gizeh Werke zu präsentieren, die sie mit ihren gar nicht menschlich aussehenden Roboterarmen geschaffen hat. Gesteuert werden diese von einem Computersystem, das Bilddaten in rauen Mengen mithilfe selbstlernender Algorithmen verarbeitet. Diese Künstliche Intelligenz hat schon abstrakte Gemälde und figurative Bleistiftzeichnungen geschaffen, ähnlich wie die Roboterfrau Sophia, das Konkurrenzmodell aus Japan – und den Menschen vom Thron der Kreativität gestoßen, den er in den frühen Hochkulturen so eindrucksvoll erklommen hat.

          Fürchteten die Ägypter deshalb den Fluch der Pharaonen? Schauderte ihnen angesichts des Unheimlichen, das die scheinbelebten Wesen ausstrahlen? Oder wollten sie auf die Gefahren entfesselter KI aufmerksam machen? Mitnichten. Die Behörden vermuteten vielmehr, dass Ai-Da mit ihren Kameraaugen und dem eingebauten Modem ein raffiniertes Spionagegerät sein könnte, und setzten die Roboterfrau nach Einreise tagelang fest. Erst nach Bemühungen der britischen Botschaft in Kairo kam sie wieder frei. Wie schön wäre es, würden sich Vertreter demokratischer Staaten immer und überall mit solcher Selbstverständlichkeit auch für Künstler aus Fleisch und Blut einsetzen, wo die Kunstfreiheit bedroht ist.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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