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Handschrift vom Roboterarm : Ein klarer Fall von Schreibbetrug

  • -Aktualisiert am

So ist’s recht: Postkartengruß eines acht Jahre alten Mädchens aus Bonn. Bild: Picture-Alliance

Den Beweis, am Urlaubsort gewesen zu sein, überlassen wir heute gern allerhand ausgefuchster Elektronik. Was ist aus der alten Sitte der Grußpostkarte geworden? Was sich ein Start-up hat einfallen lassen, sollte zumindest nie daraus werden.

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          Warum man unbedingt Postkarten aus dem Urlaub schreiben sollte? Ganz einfach, weil man sich so in hoffentlich entspannter Umgebung zwingt, wieder mal zum Stift zu greifen und eine untergehende Kulturtechnik zu pflegen: die Handschrift. Vielleicht sogar die Schreibschrift, miteinander verbundene Buchstaben statt hingeblockter Lettern. In deutschen Schulen lernen bekanntlich immer weniger Kinder diese Kunst, der Trend geht zur manuellen Minimalanstrengung, bald wird der Griffel wohl ganz fallen gelassen und nur noch getippt.

          Weshalb auch nicht, mag man sagen, in der digitalen Welt reicht es, mit einem Finger auf dem Display tastend in touch zu bleiben, wir simsen oder streamen live aus den Ferien, und Outdoorkameras oder Minidrohnen liefern den Beweis: Ich war hier, also woanders, und es war toll. Seltsam bloß, dass es immer ausgefeiltere digitale Surrogate für Handgeschriebenes gibt, angefangen bei Postkarten-Apps.

          Aus der Hand gegeben

          Die verarbeiten eigene Fotos plus Texteingaben („ein handschriftliches Signum lässt sich über ein Zeichen-Tool einfügen“) zu Papparbeiten, die tatsächlich beim Empfänger im Briefkasten landen sollen. Porto klebt man online statt mit Spucke auf - während man vielleicht in einer Taverne im Süden sitzt, die ihre Authentizität mit einer handbeschriebenen Schiefertafel an der Wand unterstreicht, auf der die Tagesgerichte stehen. Gaststätten gehören ohnehin zu den letzten Refugien der Handschrift. Wo die Speisekarte noch hingeschnörkelt wird, da werden - mag auch fotokopiert und unlesbar sein, was da steht - in der Küche keine Konserven aufgerissen, lautet das Versprechen. Persönliche Handschrift statt Systemgastronomie eben. Aber nun droht Betrug. Computersysteme, die Handschriften imitieren, gibt es schon länger. Das war eher Krakelei.

          Doch jetzt hat ein Start-up einen Roboterarm entwickelt, der menschliche Handschrift so imitieren soll, dass sie von tatsächlicher nicht mehr zu unterscheiden ist. Ideal für vermeintlich persönliche Briefe, Einladungen, Karten, sagen die Entwickler. Was daran so fies ist? Dass das wirklich Handgeschriebene die Spur eines echten Menschen ist, der seine Gedanken an den, für den er da schreibt, je nach Stimmung und Situation aufs Papier wackelt oder schmiert. Das ist nicht einfach eine Textnachricht. Es ist Berührung aus der Ferne. Und deshalb sollten wir uns das Kartenschreiben wenigstens im Urlaub nicht von Robotern aus der Hand nehmen lassen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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