https://www.faz.net/-gqz-6ydoq

Robocall in Kanada : Monsieur Poutine führt in die Irre

Politische Telefonwerbung ist verbreitet in Kanada, auch automatisiert. Doch bei der letzten Wahl ist ein „Robocall“ gezielt zur Irreführung eingesetzt worden. Seine Botschaft hatte ein genau gewähltes Publikum.

          1 Min.

          Am Wahltag klingelte das Telefon. Wegen einer erwartbar höheren Wahlbeteiligung müsse ihr Wahllokal, in dem sie ihre Stimme abgeben sollten, leider verlegt werden, wurde den Angerufenen gesagt. Aber es stimmte nicht. Der Anruf der Wahlbehörde war gefälscht. Der Einsatz automatischer Anrufe bei Wahlkampagnen gehört in Kanada wie in den Vereinigten Staaten zum Standard politischer Parteien: Wer einen Anruf annimmt, löst damit das Abspielen einer Nachricht aus.

          Dass ein solcher „Robocall“ die Wähler gezielt in die Irre führt, ist neu. Am 2.Mai 2011, dem Tag der Parlamentswahl, erreichte er viele kanadische Wähler, die zuvor in einem Kampagnenkontakt mit der Konservativen Partei bekannt hatten, deren Kandidaten diesmal nicht zu unterstützen. Und es waren, wie der „Toronto Star“ berichtet, hauptsächlich Wähler der Geburtsjahrgänge 1947 bis 1949, einer Altersgruppe mit hoher Wahlbeteiligung. Wie viele Wähler auf diese Weise getäuscht worden sind, steht nicht fest. Immerhin soll eine regelrechte Beschwerdeflut die Wahlbehörde Elections Canada erreicht haben. Die Konservativen sind jetzt mit 165 der 308 Sitze im Unterhaus vertreten, die New Democrats mit 101 Sitzen größte Oppositionspartei.

          Stahl ein Mitarbeiter die sensiblen Daten?

          Ein Wählerdatenexperte der Konservativen hält es für schlicht unmöglich, eine solche Gruppe aus der Datenbank der Unterstützer gezielt anzusprechen, selbst wenn die Adresslisten um Altersangaben ergänzt würden. Der Parlamentsabgeordnete Pat Martin hält es indes zumindest für eine überzeugende Idee, schließlich seien ältere Leute oft weniger skeptisch und technisch weniger versiert. Wenn die Sache nicht so genau gezielt wäre, hätte man sie vielleicht für die Schrotflintenaktion eines jungen Mitarbeiters halten können, der einfach eine Seite aus dem Wählerverzeichnis herausgerissen hat, führt der Politiker der New Democrats aus.

          Und sie ist kein Einzelfall: Der Telemarketing-Dienstleister der Konservativen hat bereits einen Telefonisten entlassen, weil der ausfallend geworden war. „Was glauben denn Sie, woher ich Ihre Mitgliedsnummer habe?“, soll er einen skeptischen Gesprächspartner angeherrscht haben, „glauben Sie, ich hacke Ihren Computer?“ Der Robocall-Fall führt nun zu einem angeblichen Studenten. Pierre J. soll das Konto für den Dienst eingerichtet haben, der für den Robocall genutzt wurde. Das Mobiltelefon, das für die Aufzeichnung der Nachricht verwendet wurde, ist übrigens unter einem im Zusammenhang mit Wahlmanipulationen klingenden Namen registriert: Pierre Poutine. Vladimir lässt grüßen. Die Wahlbehörde ermittelt.

          Weitere Themen

          Nur ein Gerücht in unserer Stadt

          Pop-Anthologie (105) : Nur ein Gerücht in unserer Stadt

          In „Shipbuilding“ besingt Elvis Costello die Bedeutung des Falklandkrieges für seine Heimat. Zugleich erzählt das Stück ein Kapitel Musikgeschichte: Bevor Chet Baker 1983 sein Trompetensolo für den Song einspielte, hatte er von Costello noch nie gehört.

          Die eine bei all den anderen

          Zum Tod von Jutta Lampe : Die eine bei all den anderen

          Eine zum Staunen verführende Erscheinung: Sie wurde von Peter Stein entdeckt und entwickelte sich zu einer der größten Theaterschauspielerinnen Deutschlands. Nun ist Jutta Lampe in Berlin gestorben.

          Topmeldungen

          Die klassische deutsche Lebensversicherung stirbt einen Tod auf Raten. Was folgt daraus für die Altersvorsorge?

          Vorsorge fürs Alter : Wie Niedrigzins und Kapitalregeln die Geldanlage umwerfen

          Die klassische Lebensversicherung verschwindet, neue Produktangebote treten an ihre Stelle. Doch die staatliche Altersvorsorge ist weniger flexibel – denn die Bedingungen sind nicht mehr zeitgemäß. Der siebte Teil der Serie „Chancen 2021“.
          Künstliches Licht: Indoor-Farming ist energieintensiv.

          Essen aus der Stadt : So könnte die Ernährung der Zukunft aussehen

          Die meisten Lebensmittel werden über Hunderte Kilometer transportiert, bevor sie bei uns auf dem Teller landen. Urbane Landwirtschaft will das ändern – und eine Antwort auf den wachsenden Hunger auf der Welt finden.
          Wachstumsgeschichte: Die Eschborner „Skyline“ entstand nach dem neuen Rathaus und der „kleinen Ortsumgehung“ Rödelheimer Straße.

          Gestaltung von Eschborn : Vom „armen Kaff“ zur Boomtown

          Ein Trip durch Amerika war der Ausgangspunkt für den Aufstieg des kleinen Frankfurter Nachbarn Eschborn. Ein Mann hat maßgeblich dafür gesorgt, dass aus einem Dorf eine wohlhabende Kommune geworden ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.