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Zum Tod von Robin Williams : Alle Gefühle hat sein Witz gekannt

Zuhören, auch wenn der andere schweigt: Robin Williams mit Matt Damon in „Good Will Hunting“ (1997) Bild: Sunset Box / Allpix Press/laif

Robin Williams, einer der größten Komiker unserer Zeit, ließ im Fernsehen, im Kino, auf Theater- und Stand-up-Bühnen aus Liebe zur Performance kein Experiment unversucht. Ein Nachruf.

          Der Schauspieler nimmt die Schauspielerin in die Arme. Sie spielt eine Frau, die nicht mehr zu hoffen gewagt hat, dass der geliebte Mann, den der Schauspieler darstellt, jemals wieder bei ihr sein wird. Die Freude der beiden ist zu groß für Worte. Er findet dennoch die richtigen. Sanft und leise fragt er sie, weshalb sie weint, und dann will er wissen, mit verschmitzter, unerklärlich angemessener Heiterkeit: „Are you my girl?“ Dabei klingt er wie ein Kind, das still entzückt einen buntschillernden Käfer anstaunt: ehrfürchtig, zärtlich und dankbar. Sie erwidert, erschöpft und befreit: „Yes.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Szene ist der emotionale Höhepunkt von Terry Gilliams Fantasy-Tragikomödie „The Fisher King“ (1991) und der Moment, in dem sich die Liebesgeschichte zwischen der störrisch-introvertierten Lydia und dem vollkommen wahnsinnigen Parry aus tiefem Leid in die schwer verdiente Erfüllung rettet. Amanda Plummers Lydia ist kein gefälliges, kein pflegeleichtes Gegenüber. Aber Robin Williams holt aus ihr mit seinem dezenten und schlichten Spiel genau die Sorte Ergriffenheit heraus, auf die es diese große kleine Szene abgesehen hat.

          Ein Großer von Beginn an

          Wie man diejenigen, die einem das Schicksal oder ein Drehbuch als Mitspielerinnen und Mitspieler zugewiesen hat, zugleich respektiert, herausfordert und von allen Seiten mit kleinen Einstiegshilfen in eine gemeinsame Szene umsorgt, wusste Robin Williams wie wenige im komischen Fach; selbst in Situationen ohne Skript: Erik Nelsons Dokumentation „Dreams with Sharp Teeth“ (2008) über den Schriftsteller Harlan Ellison beginnt mit einer Sequenz, in der Williams neben Ellison steht – die beiden waren befreundet – und unglaubliche Geschichten vom Blatt abliest, die über den Freund im Umlauf sind: Hast du wirklich einem mächtigen Entertainment-Manager die Knochen gebrochen, bist du tatsächlich mit einem Truck voller Dynamit durch die Gegend gefahren?

          Die grummeligen Bekenntnisse und Richtigstellungen des Befragten bringen den Komiker zum Lachen, dass ihm Tränen in die Augen schießen und er sich die Hand vors Gesicht halten muss, und am Ende herzen und knuddeln die zwei Männer einander, als hätten sie beschlossen, morgen zu heiraten. Ellison erklärt zum Schluss bewegt, er wolle jetzt Kinder von Williams, und dieser antwortet, kein Problem, er habe drei, er werde gleich eins rüberschicken. So sicher den Ball zu fangen, den ihm jemand zugeworfen hat, so uneitel einer Situation das zu schenken, was sie verdient, dürfte Williams nicht immer leichtgefallen sein, zwang doch seine übersprudelnde Regsamkeit sein kreatives Umfeld oft genug, ihm den Vortritt zu lassen.

          Uncle Sam will dich, aber du willst mich in deinem Radio: in „Good Morning, Vietnam“ (1987)

          Schon in der Fernsehserie „Mork&Mindy“ (1978 bis 1982), in Deutschland als „Mork vom Ork“ bekannt, waren die besten Episoden im Grunde einfach Bühnen, auf denen er sich so gut wie unkontrolliert austoben konnte. Die Folge „Mork’s Mixed Emotions“ etwa, das Kronjuwel der ersten Staffel, das die marktbeherrschende Fernsehzeitschrift „TV Guide“ noch 1997 zu den hundert spektakulärsten Ereignissen in der Geschichte des Mediums zählte, ist pures Monomanentheater:

          Williams spielt den Außerirdischen Mork, auf dessen Heimatplanet Gefühle und Träume abgeschafft sind, als brennenden Blitzableiter, elektrisiert von seinen eigenen Affekten, der mit den behaarten Unterarmen fuchtelt, die Augen rollt, bis die Pupillen aus dem Gesicht fallen, keucht, seufzt, wispert, kreischt, Wut und Schrecken, Lust und Verblüffung ausagiert, lange dramatische Sätze ausspricht, als wären sie ein einziges Wort („Yourespendingyourbirthdaywithsomebodyspecial?“) und schließlich in Ohnmacht sinkt wie eine blutarme Dame im höfischen Roman.

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