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Robert Menasse: Ich kann jeder sagen : Mit der Stahlfeder in die Theorie katapultiert

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Bild: Verlag

Der Titel provoziert durch Selbst-, der Untertitel durch Schwerverständlichkeit. „Ich“ kann tatsächlich jeder sagen. Was der Autor unter einer „Nachkriegsordnung“ versteht, bleibt unklar.

          Der Roman „tingiere“, also berühre, bestimme, färbe, ja präge die „ganze moderne Poesie“, schreibt Friedrich Schlegel in einem seiner Athenaeums-Fragmente und hatte damit im Jahr 1798 Zutreffenderes, Weitsichtigeres behauptet, als ihm wohl selbst bewusst sein konnte. Tatsächlich ist seitdem der Roman zum Inbegriff von Literatur schlechthin geworden.

          Das mag sich ändern. Denn gerade in diesem Jahr sind eine Reihe von stark beachteten Bänden mit Erzählungen erschienen und haben hier und da sogar Bestsellerstatus erreicht. Erzählungsbände wie die von Judith Hermann, Helmut Krausser und nun auch die der Halbgeschwister Eva und Robert Menasse sind keine Verlegenheitslösungen, nicht entstanden, weil die Verleger drängen und etwas Neues auf den Markt bringen wollen. Vielmehr wird hier offenbar versucht, sich der größeren Form des Romans anzunähern, indem die einzelnen Geschichten in einem Buch thematisch verbunden werden, zum Beispiel durch Titel, Untertitel und Motti. Eine Annäherung dieser Art verheißt auch Robert Menasses neues Werk.

          „Ordnung“ kann jeder sagen

          Menasses Buch trägt den durch Selbstverständlichkeit provozierenden Titel: „Ich kann jeder sagen“. Eine Einladung zum Philosophieren - oder der Versuch, allem Autobiographischen, Selbsterlebten aus dem Weg zu gehen? Gleichfalls hat Menasse seinem Buch einen durch Schwerverständlichkeit provozierenden Untertitel gegeben, denn wann beginnt, wann endet eigentlich ist das „Ende der Nachkriegsordnung“? „Ordnung“ kann jeder sagen. Jedenfalls gibt es über den Begriff der „Nachkriegsordnung“ kein allgemeines Einverständnis.

          Die dreizehn längeren oder kürzeren Texte benennen dann in der Tat gewisse historische Ereignisse und Erfahrungen aus der Lebenszeit des Verfassers: die Ermordung Kennedys, immer wieder die Terrorattacke auf New York von 9/11 sowie der 9. November als zufällig-vielfältiges Datum deutscher Geschichte, der Abriss der Mauer, der Holocaust und mit ihm die für alle Zeit unfasslich bleibende Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald zur deutschen Kulturpilgerstadt Weimar samt der mit ihr verbundenen Idee eines klassischen Humanismus, dann daneben die Achtundsechziger, also alles in allem das, was der Autor als ein aufmerksamer, sehr intelligenter deutschsprachiger Schriftsteller des Jahrgangs 1954 aus jüdischer Familie als Zeit- und Familiengeschichte verstehen kann oder möchte.

          Schocks, die alles orthodoxe Denken aufbrechen sollen

          Menasse hat seine schriftstellerische Arbeit als Romanautor begonnen und mit dem Roman „Selige Zeiten, brüchige Welt“ mit Recht internationale Aufmerksamkeit gefunden. So scheint denn in dieser Sammlung von Erzählungen deutlich der Versuch durch, mit Hilfe einer Leitmotivik von historischen Daten das Einzelne zusammenzufügen, es als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen und somit auf den Weg zum Roman zu bringen, in dem jeder einzelne Teil erst seine Bedeutung und Funktion erhält. Das kollidiert hier freilich oft mit der Banalität des erzählten Stoffes oder Inhalts, vor allem, weil es den Erzähler immer wieder in theoretische Erklärungsnöte versetzt. „Ich war ein sehr guter Student, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Es war, als steckte in mir eine bis zum äußersten angespannte Stahlfeder. Aber die Feder löste sich nicht, ich machte nicht den Sprung nach vorne, sondern verhedderte mich in Theorien.“ Es ist eine recht treffende, wenngleich unbeabsichtigte Selbstcharakteristik Menasses für seine Geschichten, ganz wie die Mitteilung: „Ich studierte übrigens Wirtschaftswissenschaften. Ich schrieb eine Arbeit zum Thema 'heterodoxer Schock'.“

          Davon scheint auch der Erzähler gelernt zu haben, denn eine Reihe dieser Erzählungen erhalten ihr Interesse vorwiegend durch das Austeilen solcher Schocks, die alles orthodoxe Denken aufbrechen sollen. „Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde“, beginnt eine dieser Geschichten, bei der es aber nicht um Weltpolitik und Weltgeschichte geht, sondern um die Scheinschwangerschaft einer jungen Frau, die gern die Amerikanerin spielt. Was dann in der Erzählung wieder zu dem Kern aller Literatur führt, zu einer menschlichen Beziehung, die an dem Schein und der Unwahrheit zerbricht.

          Im KZ die Zeit totschlagen

          Was aber ist Wahrheit? Hier ein paar Sätze aus der Erzählung „Romantische Irrtümer“: „Ereignisse, die mich in Wahrheit hochgradig irritiert hatten, wurden, wenn ich sie erzählte, komisch, schrill, erheiternd. Es war auf der Rückreise von Dresden, als mir plötzlich klar wurde, dass der Reichtum, den ich erzählend ausbreitete, eine Lüge war.“ Und dann, nachdem er in Weimar Goethe-und Schiller-Gedenkstätten besucht hat und gelangweilt ist, fällt ihm das nahe Buchenwald ein: „Ich werde ins KZ gehen und dort die Zeit totschlagen.“ Heterodoxer Schock!

          Einige der gelungensten Erzählungen des Bandes sind solche Schockerfahrungen, etwa die vom „Ende des Hungerwinters“, den eine jüdische Familie als Schimpansen verkleidet im Affenkäfig des Amsterdamer Zoos überlebt. Situationskomik, grotesk Lächerliches widerspricht dem Grauenhaften. Eine andere Erzählung gibt dem Komischen freien Lauf. Es ist die vom Hofrat Dr. Urbanek, der unbedingt den letzten Band der Marx-Engels-Gesamtausgabe im Antiquariat erwerben will. Die Erzählung führt in die Zeit der Stadtguerrillas und des Terrorismus zurück, als alle ängstlichen Besitzer der vierzigbändigen Ausgabe sie still hatten verschwinden lassen, um nicht aufzufallen oder gar mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. „Das Tragische an dieser Zeit war, dass sie zugleich so lächerlich war.“ Das hätte sich von dem Hungerwinter im Zoo so kaum sagen lassen, was die Idee einer Nachkriegsordnung in Zweifel stellt.

          Menasses Buch enthält Tragisches und Komisches, Lächerliches und Fürchterliches - ob es aber wirklich Fallgeschichten über das Ich-Sagen sind oder was aus ihnen über eine „Nachkriegsordnung“ hervorgeht, wären Fragen für germanistische Seminare zu Roman und Erzählung im Zeitalter rascher Buchproduktion.

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