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Robert Habeck : Denkt er noch oder reflektiert er schon?

Wer denkt reflexiver und was folgt daraus? Robert Habeck und Annalena Baerbock Bild: dpa

Was ist dran am Image des Denkers, das dem promovierten Literaturwissenschaftler Robert Habeck anhängt? Schadet oder nutzt es ihm beim Versuch, die Kanzlerkandidatur der Grünen zu gewinnen?

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          Nein, wer anderswo Kanzlerkandidat werde, habe keinerlei Einfluss auf die Frage, wer die Kanzlerkandidatur bei den Grünen übernehme – ob Annalena Baerbock oder er selbst, erklärt Robert Habeck. Einen entsprechenden Vorschlag hat der grüne Bundesvorstand für Montag angekündigt. Habeck, promovierter Literaturwissenschaftler und Romancier, hat es nicht nötig, von seinen Sympathisanten als Philosophenkönig nach vorne geschoben zu werden, wie das etwas unbeholfen neulich Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie versuchten, als sie in der „Zeit“ mitteilten: „Robert Habeck denkt nachhaltig und reflexiv.“

          Als denke, wer Reflexionen über die nächste Ecke hinaus anstellt, irgendwie anders nach als jemand, der einfach nur – nachdenkt. Es würde also reichen zu sagen: „Robert Habeck denkt nach.“ Vielleicht sogar: „Robert Habeck denkt.“ Womit, den Ball schön flach haltend, zugleich ausgedrückt wäre, dass es nicht um ein Alleinstellungsmerkmal Habecks geht, sondern dass dieser Politiker nachdenkt wie auch andere Politikerinnen nachdenken, ohne dass damit schon ein Gütesiegel für diese oder jene Reflexion verbunden wäre. Was beim Denken oder Nachdenken oder Reflektieren (egal wie das Gegenteil von Blödigkeit nun heißen soll) rauskommt, steht ja immer noch auf einem anderen Blatt.

          Auch tut es erst mal nichts zur Sache, ob jemand gourmethaft seinen Gedanken nachschmeckt, jeden einzelnen von ihnen mit einer Rhetorik der Verzögerung darbietend und so das Publikum quasi in Echtzeit an der allmählichen Verfertigung der Reflexion Anteil nehmen lässt. Oder ob die Gedanken eher stoßweise rausgehauen werden, so wie die Seele sie zu empfangen meint, mehr auf die Wucht des Ausstoßes setzend als auf raffinierte Ableitungen.

          Die nötige Hybris

          Gestehen wir es uns ein: Das eine kann so richtig oder falsch sein wie das andere, kein Denkstil hat die Wahrheit für sich gepachtet. Es ist gerade der Verzicht auf die höhere moralische Warte, die Habeck seiner Partei nahelegt, um nicht nur aufs erweiterte Grünen-Milieu angewiesen zu bleiben. Was als Gründungsimpuls einmal richtig gewesen sei – die Absolutsetzung von „Natur“ wie in „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas, einer Urschrift der ökologischen Bewegung –, dürfe jetzt, da die Grünen Mehrheiten gewinnen, nicht mehr den Ton der Reflexion bestimmen. So denkt Habeck mit Jonas gegen Jonas, dabei immer auch ein bisschen autokrawallig sich über sich selbst stellend, den späteren Habeck über den früheren.

          Zum Beispiel dann, wenn er seine eigenen Randbemerkungen nachliest, die er als Fünfzehnjähriger im „Prinzip Verantwortung“ notierte: „sehr gut!“, „wichtig“, „Natur!“, und die ihm heute, wie er in seinem Nachwort zur jüngsten Neuauflage des Jonas-Wälzers betont, überheblich und naseweis vorkommen. Und doch hält Habeck hier Nachsicht für geboten: „Ich denke, es ist diese Hybris, die es braucht, um überhaupt in die Debatte einzusteigen. Als wüsste man es besser.“ Das ist bei der Reflexion nicht anders als bei der Kanzlerkandidatur: Ohne den setzenden Geist des Besserwisserischen ist nichts zu holen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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