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Robert Badinter in Frankreich : Eine moralische Instanz

  • -Aktualisiert am

Er redet Frankreich und Europa ins Gewissen: Robert Badinter. Bild: AFP

Vor fast vierzig Jahren setzte Robert Badinter als Justizminister in Frankreich die Abschaffung der Todesstrafe durch. Jetzt spricht er in Fernsehen und Rundfunk zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Und ganz Frankreich hört ihm zu.

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          Er tritt nicht mehr sehr oft in die Öffentlichkeit, aber den Franzosen ist der bald 92 Jahre alte Robert Badinter eine vertraute Figur. Die deutsche Besatzung hat er als Jugendlicher erlebt. „Tod den Juden, Tod Léon Blum“, dem jüdischen Premierminister der Volksfrontregierung, stand auf den Mauern geschrieben, an denen er täglich vorbeikam. Sein Vater wurde in Sobibor ermordet. Robert Badinter studierte Literatur und Jura, war Anwalt und Justizminister. Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ vor fünf Jahren nannte er die Terroristen „Erben der Auschwitz-Barbarei“ und mahnte, ihre jüdischen Opfer nicht zu vergessen.

          Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war Badinter im Radio und im Fernsehen. Als Siebzehnjähriger hatte er die Bilder von den Toten und Überlebenden gesehen und auf ihre Rückkehr gewartet. Noch immer verspürt er den „Phantomschmerz“. 1956, er war achtzehn, reiste er nach Polen. „Es war eine Wüste, niemand ging nach Auschwitz“, blickt er zurück: „Zwischen den Stiegen, die zu den Gaskammern hinunterführten, waren drei kleine Blumen gewachsen. Ich pflückte eine, schickte sie meiner Mutter und schrieb: Sie zeigen, dass das Leben stets den Tod besiegt.“

          In der Fernsehsendung „C à vous“ bei France 5 sprach Badinter über Barbarei und Antisemitismus. Mehrfach kam er auf das „Testament“ Hitlers, der noch im Untergang die Ausmerzung der Juden über alles andere stellte. Badinter liest es als Ausdruck des Todestriebs und Vernichtungswahns.

          „Absolut inakzeptabel!“, fiel Badinter dem Journalisten Patrick Cohen ins Wort, als dieser eine Demonstration gegen Macrons Rentenreform erwähnte: einen Fackelzug mit Stangen, auf denen Masken von Macron aufgespießt waren. Für Cohen eine Form von revolutionärer „Folklore“, für Badinter „eine Manifestation von symbolischer Gewalt, die auf physische Gewalt abzielt“: Zwei Minuten dauerte die Sequenz, in der Badinter zur Hochform auflief und an den großen Anwalt erinnerte, der einen Angeklagten vor der Guillotine zu retten versucht. Als Justizminister schaffte der Humanist die Todesstrafe ab.

          Eine „infame“ Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart will derweil der Medienkritiker Daniel Schneidermann in der Sendung erkennen: „Die Anti-Macron-Demonstranten werden mit den Antisemiten von gestern gleichgesetzt“, der Rentenstreik als „potentielles Pogrom“. Tatsächlich ist die Instrumentalisierung von Auschwitz zur Unsitte geworden, und die antifaschistische Selbstgerechtigkeit der Gutmeinenden macht Schneidermann hier aus.

          Der Übergang in der denkwürdigen Sendung, die wir hier schildern, von Auschwitz zu Macron, war brüsk. Doch der Hass auf den Staatspräsidenten und das Aufspießen seines Kopfes verweisen deutlicher auf den revolutionären Königsmord und den Terror als auf antisemitische Obsessionen. Wobei linksextreme Gewalt zunehmend damit gerechtfertigt wird, dass man sie mit fragwürdigen historischen Vergleichen verurteile. Dieses Alibi freilich ist genauso unerträglich wie die Instrumentalisierung des Antisemitismus. Robert Badinter warnt absolut und ohne Einschränkung vor der Gewalt, die „unseren Idealen widerspricht“.

          Auf Twitter gab es viele Reaktionen auf diese denkwürdige Sendung, aber, wie Daniel Schneidermann beobachtet hat, keinen Shitstorm, sondern Betroffenheit, Schmerz, Trauer. Offenbar wird Robert Badinter selbst in den Netzwerken als moralische Instanz respektiert. Als es im Umfeld der „Gelbwesten“ zu antisemitischen Exzessen kam, bewirkten diese bei manchen ein Umdenken, mit dem möglicherweise der Niedergang der Revolte begann.

          Im Rundfunk hielt Badinter dem Testament Hitlers das Leben entgegen. „Wir dürfen die Toten nicht vergessen und nicht ihren Tod leben, der uns gefangen nimmt. Das Leben ist stärker als der Tod.“ Robert Badinters Interviews zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sind auch ein Testament. Ein Lichtblick in einer Epoche, in der Rassen- und Klassenhass voranschreiten. Badinter zeigt auf, wie sich Europa retten kann.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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