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Rist-Ausstellung in Zürich : Wo sich das Museum in ein Wohnzimmer verwandelt

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Aus Flammen auferstanden: „Selbstlos im Lavabad“ von Pipilotti Rist, 1994. Bild: Katalog

Die Kunsthalle Zürich zeigt die Werke der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist. Eine lohnende Schau, mit krasser Sexualität und poetischen Augenblicken.

          Eine selbstsichere Stewardess begrüßt in Pipilotti Rists frühem Video „Pamela“ die Passagiere auf dem Flug nach „nirgendwohin“, erklärt ihnen aber nicht die Sicherheitshinweise, sondern fordert sie auf, „Orbit, Sternenstaub und Mondaufgang“ zu betrachten – und die Nachbarn rechts und links. Ihr Video nannte die Künstlerin nach dem blutjungen Dienstmädchen, das sich – als Heldin in Samuel Richardsons Briefroman „Pamela oder die belohnte Tugend“ von 1740 – gegen die sexuellen Avancen ihres Dienstherrn wehrt und später gerade deshalb seine Ehefrau wird. Es geht also um eine uralte Geschichte weiblicher Dienstleistungen, hier aber mit einem surrealen Ende, inklusive des diskret verschlüsselten Vorschlags, Flugbegleiterinnen, die oft mit dem hässlichen Begriff „Saftschubse“ diskriminiert werden, künftig mehr Respekt und Anerkennung zu zollen.

          Im Sommer 1997 wurde Pipilotti Rist bei der Biennale in Venedig fast über Nacht mit einem einzigen Video weltberühmt. Wieder ist eine Frau zu sehen, aber dieses Mal eine junge Schönheit im himmelblauen Chiffonkleid, die vergnügt am Straßenrand entlangläuft und mit einem langen Blumenstengel die Fensterscheiben parkender Autos zertrümmert. Und diese lustvolle und absurde Tat entzieht sich als unvergessliches Videomärchen weitgehend der Interpretation. „Ever is Over All“, wie das Werk heißt, wurde vom Museum of Modern Art erworben.

          Einladend: Die Installation „Cape Cod Chandelier“

          Dass sich die 1962 geborene Schweizer Künstlerin seit jeher mit großer Verve und hintergründigem Humor für die Rechte von Frauen einsetzt, wird in der großen Retrospektive im Kunsthaus Zürich abermals sehr deutlich, – wie stets in ihren überaus zahlreichen internationalen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte. Und der seltsame Titel der Schau „Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes“, einer Zeile aus einem ihrer frühen Songs mit Anders Guggisberg, hängt vermutlich mit ihrer weiteren grundsätzlichen Haltung zusammen: Sie kennt kaum Tabus bei ihren mitunter ziemlich krassen Darstellungen von Körperlichkeit oder Sexualität. Gleich links beim Eingang der Schau verwandelt sich – ein erstes Beispiel – Pipilotti beim Bodenvideo „Mutaflor“ (so heißt auch ein Abführmittel) mit ihrem eigenen nackten Körper in einen riesigen, den Betrachter gleichsam verschluckenden Mund, der gleich darauf zum Anus wird.

          Kronleuchter aus Unterhosen

          Zum Glück wird es bald poetischer: Im nur sanft beleuchteten Bührle-Saal des Züricher Kunsthauses führt der Weg nun durch einen Wald transparenter Vorhänge, mit wechselnden idyllischen Videoprojektionen eidgenössischer Schafherde, Kühe und Bergwiesen, in das erste Zentrum der Retrospektive, „Heim“ genannt: In dieser tatsächlich heimeligen Wohnzimmeratmosphäre können die Betrachter auf üppigen Sofas und Sesseln Platz nehmen. Oder an einem Esstisch unter dem „Cape Cod Chandelier“, der wie ein hochrepräsentativer klassischer Kronleuchter aussieht, allerdings nur von weitem. Denn angefertigt hat Pipilotti dieses Werk aus den Unterhosen ihrer offensichtlich zahlreichen Freunde, sogar nach deren Maßen zur Lampe montiert und mit diversen farbigen Projektionen eine ungewöhnliche, indes sehr attraktive magische Lichtquelle inszeniert.

          Die Künstlerin ist anwesend: Pipilotti Rist inmitten ihrer Installation „Pixelwald“

          Wie jede andere traditionelle bürgerliche Wohnung gibt es auch hier einen Schreibtisch, Kommoden mit allerlei Nippes, viele Bücher in Regalen oder auf den Beistelltischen – und im ganzen Raum eine ganze Fülle von Videoprojektionen aus allen Schaffensphasen der Künstlerin. Mitunter sind sie eher überraschend plaziert, etwa ganz klein in einer Handtasche. Oder im Gitterbett fürs Kleinkind, dort steht die 1992/2011 entstandene Videoinstallation „Pickelporno“, jetzt „Kreislein“ genannt. Und das „Schminktischlein mit Feedback“ verfügt über einen winzigen Monitor mit verheißungsvollem Kussmund. Und wie überall in dieser Schau ist immer leise Musik zu hören: Pipilotti Rist gehörte schließlich einst zur legendären Schweizer Frauenband „Les Reines Prochaines“.

          Von Pipilottis Wohnzimmertraum geht es zum zweiten großen Saal mit einer faszinierenden „Pixelwand“, die Pipilotti Rist eigens für diese Ausstellung geschaffen hat: Dreitausend kleine LED-Leuchtkörper, die ständig ihre Farben verändern, hängen an dünnen Kabelschnüren: ein farbenfroher Licht-Wald oder „ein im Raum explodierter Bildschirm“, wie die Künstlerin sagt. Dort liegen überall Kissen aus, um die riesigen Videos auf den Wänden anzuschauen.

          Eine lohnende Ausstellung also, die allerdings einen großen Nachteil hat: Erklärungen zu den Werken gibt es nur als App auf eigenen oder Leih-Phones des Museums, die einzelne Werke erklären, jedoch mit zu viel Interpretationsartistik - manche Besucher denken sich ja gerne selber was. Und der Katalog im Schuber folgt dem Trend, enthält also keine Angaben zum Inhalt der Werke, sondern zwölf dicke Pappendeckel, meist mit Blumenmotiven der Videos und ein Glossar von A bis Z mit Texten bekannter Autoren, die sich nur selten zur Ausstellung äußern.

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