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Risikomanagement : Jetzt geht an der Ems die Angst um

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Milch aus der chinesischen Molkerei, deren mit Melamin verseuchte Produkte den Tod einiger Säuglinge verursachten Bild: dpa

Der Lebensmittelskandal in China wurde monatelang vertuscht. Aber wie steht es eigentlich mit der Risikokommunikation in Europa? Seit BSE-Krise und Dioxin-Skandal gibt es dafür eine eigene Behörde. Wir erklären, wann in Europa die Angst umgeht - und wie sie bekämpft wird.

          Zu spät und zu spärlich flossen die Informationen über Melamin in Babymilch. Deshalb sind mittlerweile vier Kinder sind gestorben und mehr als sechstausend erkrankt. Das sind die Vorwürfe, die sich an die chinesischen Behörden richten. Zwar sollen Molkereien, um einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen, ihre Milch schon seit langem mit Melamin gestreckt und die Firma Sanlu, deren Produkt den Skandal auslöste, soll davon gewusst, das Vorgehen aber vertuscht haben. Trotz der kriminellen Energie, die dahinter steht, geht es aber um Aufgaben, die neben den Herstellern auch den staatlichen Behörden und der Presse obliegen. Das ist zum einen die Aufgabe der Lebensmittelüberwachung - weshalb nach Bekanntwerden des Skandals in dieser Woche mehrere hohe chinesische Funktionäre, die für Landwirtschaft und Lebensmittelaufsicht verantwortlich waren, entlassen wurden. Zum anderen wurden bei der Kommunikation des Milchrisikos Fehler gemacht und Zeit vergeudet.

          Risikokommunikation ist nach einer Definition des amerikanischen National Research Council „ein interaktiver Prozess, bei dem Informationen und Meinungen zwischen einzelnen Menschen, Gruppen und Institutionen ausgetauscht werden“. Dabei soll aber nicht nur das Risiko an sich erörtert werden. Der Prozess beziehe auch Hinweise ein, „die Sorgen, Meinungen und Reaktionen im Hinblick auf die Informationen über das Risiko oder auch im Hinblick auf gesetzliche und behördliche Maßnahmen für das Risikomanagement ausdrücken“. Die Europäische Kommission bedient sich einer ähnlichen Definition. Beide Definitionen sind Ausdruck des Wandels, dem die Risikokommunikation - insbesondere, was Lebensmittel angeht - in Europa und Nordamerika im vergangenen Jahrzehnt unterworfen war.

          Risikokommunikation

          Als Auslöser gilt die BSE-Krise in Westeuropa, auch der belgische Dioxinskandal von 1999. Lebensmittelskandale dieser Größenordnung höhlten das Vertrauen der Verbraucher in staatliche Kontrollen und behördliche Informationen aus. Seitdem bemüht man sich darum, Risikokommunikation als Dialog zu handhaben, statt Schlagworte zu diktieren. In der Europäischen Union legte man die Bewertung von Lebensmittelrisiken und deren Kommunikation deshalb im Jahr 2002 in die Hände einer eigens gegründeten europäischen Agentur, der European Food Safety Authority (Efsa). Damit die Unabhängigkeit der Efsa gewahrt blieb, wurde sie am Risikomanagement, also dem In-Schach-Halten und Bekämpfen von Risiken, nicht beteiligt. Auf nationaler Ebene wird die Efsa durch Behörden mit ähnlichem Aufgabenbereich repräsentiert; in Deutschland durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin.

          Ob die Bevölkerung ein Risiko als solches wahrnimmt, hat viel damit zu tun, ob das Risiko Kinder betrifft. Ein Beispiel dafür ist die fehlerhaft zusammengesetzte Humana-Babynahrung, an der 2003 zwei Säuglinge in Israel starben. Wichtig ist aber auch, ob es sich um ein „freiwilliges“ oder ein „unfreiwilliges“ Risiko handelt. In hohem Maße mit einem unfreiwilligen Risiko verbunden wäre etwa der Genuss von Trinkwasser. Dementsprechend groß ist in diesen Tagen die Angst der Menschen in Ostfriesland, seitdem im Umkreis der Ems Gras-Proben, aber auch Schlachttierkörper von Lämmern erhöhte Gehalte an dioxinähnlichem PCB aufwiesen. Jetzt prüfen dort die Behörden, ob auch das Trinkwasser betroffen ist.

          Freiwillige und unfreiwillige Risiken

          Wichtig sind in der Wahrnehmung eines Risikos weiterhin die Fragen, ob das Risiko tödliche Folgen haben kann und ob es gesellschaftlich stigmatisiert wird. Im von der BSE-Krise schwer gebeutelten Großbritannien ging man auf der Grundlage solcher Erkenntnisse sogar so weit, Richtlinien für Risikokommunikation zu publizieren, an denen sich Journalisten und Wissenschaftler orientieren sollen. Journalisten werden etwa angehalten, sich zu fragen, ob die Befürchtungen in einem Organ veröffentlicht wurden, das einem Peer-Review-Verfahren unterliegt, und was andere Wissenschaftler außer dem, der sich warnend äußert, zu dem Thema zu sagen haben.

          China scheint von solcherlei Überlegungen weit entfernt. Umso größer ist die Verunsicherung in der Bevölkerung. Dass mangelhafte Risikokommunikation auch irrationale Reaktionen zur Folge haben kann, zeigte sich zuletzt vor wenigen Wochen in Südkorea. Wochenlang demonstrierten die Menschen in Seoul gegen eine Gefahr, die aus europäischer Sicht längst gebannt ist. Die südkoreanische Regierung hatte Rindfleischimporte aus den Vereinigten Staaten wieder zugelassen, nachdem seit 2003 ein Importverbot wegen der BSE-Gefahr bestand. Tausende gingen daraufhin im Juni und Juli auf die Straße, weil sie nicht an die Sicherheit der Fleischlieferungen glaubten und sich zudem das Gerücht hielt, koreanische Jugendliche seien besonders empfänglich für die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit, als deren Auslöser die Rinderseuche gilt.

          Am Ende verloren der Landwirtschafts-, der Gesundheits- und der Erziehungsminister ihre Ämter. Die Hintergründe des so stark empfundenen Risikos wurden nie diskutiert: In Großbritannien gab es bisher mehr als 180.000 bestätigte BSE-Fälle beim Rind, in Deutschland vierhundertsechzehn. In den Vereinigten Staaten, woher die Lieferungen kommen sollten, sind es bis heute zwei.

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