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Risikofreudige Parlamentarier : Ohne Wagnisse kein politisches Handeln

  • -Aktualisiert am

Weil sie das Risiko lieben, vertrauen Politiker einfach mal darauf, dass eine Philharmonie ohne weiteres auf ein Speicherhaus gesetzt werden kann. Bild: dpa

Entscheidungen müssen schließlich fallen: Forscher erheben in einer kürzlich veröffentlichten Studie, dass deutsche Parlamentarier recht risikofreudig sind - und finden das durchaus beruhigend.

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          Wenn man Politik betrachtet, kommt man selten ohne seine Hände aus: Bei zu vielem, was man sieht, muss man sich die Augen reiben. Was sind das für Menschen, die auf Anraten eines Investmentbankers mit Milliarden aus der Staatskasse einen Energiekonzern aufkaufen und den entsprechenden Beschluss mit einer solchen Eile durch Kabinett und Parlament hetzen, dass für sachliche Prüfung keine Zeit ist? Wie können Politiker einfach darauf vertrauen, dass ein Bahnhof ohne weiteres unter die Erde verlegt und eine Philharmonie ohne weiteres auf ein Speicherhaus gesetzt wird? Und selbst zu ebener Erde gibt es Projekte, von der Rennbahn bis zum Flughafen, die noch eine Weile Anlass zum Staunen geben werden. Man könnte abwinken und sagen, es ist Dummheit oder die Natur der Sache. Aber eine gestern veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Wochenbericht 10/2013, Seite 17-21) bietet eine andere Erklärung an: Politiker lieben das Risiko.

          Moritz Hess, Christian von Scheve, Jürgen Schupp und Gert G. Wagner haben im Winter 2011 die Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages per Fragebogen unter anderem zu ihrer Risikoneigung befragt, aufgeschlüsselt in verschiedene Lebensbereiche, etwa Autofahren, Karriere oder Vertrauen in Fremde. Sie verglichen die Ergebnisse mit den Messungen aus einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe und fanden in allen abgefragten Lebensbereichen, dass die Abgeordneten mehr zu Risiko neigen als der Durchschnittsbürger.

          Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

          175 von 620 angeschriebenen Abgeordneten haben den Fragebogen ausgefüllt zurückgesendet. Die Forscher gehen nicht davon aus, dass dieses Viertel des Bundestages sich groß von den übrigen drei Vierteln unterscheidet. Auch sei nicht zu erwarten, dass die Abgeordneten die Fragen systematisch falsch beantworteten, um im besseren Licht dazustehen. Selbst wenn, hätten sie sich wohl eher bemüht, ihre Risikoneigung zu verbergen. „Man kann daher vorsichtig schlussfolgern, dass sich aufgrund ihrer Berufswahl eher solche Menschen in der Berufspolitik finden, die riskante Entscheidungen zumindest nicht scheuen“, schreiben die Forscher.

          Gewisse Berufe erfordern einen Hang zum Risiko. So ist es zum Beispiel recht gut erforscht, dass selbständige Unternehmer zu mehr riskantem Verhalten neigen als Angestellte. Unternehmertum ist ja schließlich riskantes Verhalten: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und der alte Begriff Wagnis klingt auch gleich viel besser als das schlecht konnotierte Risiko.

          Risikofreudige Berufspolitiker, risikoscheue Bürger

          Die Mitglieder des Bundestages neigen der Studie zufolge noch mehr zum Risiko als Selbständige. Und auch das wird von den Wissenschaftlern um Moritz Hess für wünschenswert erachtet. Ihrer Meinung nach könnte man zwar kritisieren, dass Politiker mit ihrer hohen Risikoneigung das Volk nicht repräsentieren: Die Politiker entscheiden riskanter, als das Volk es tun würde. Dabei handele es sich jedoch um eine sinnvolle Arbeitsteilung, weil politisches Handeln eben mehr Wagnis erfordere, als der durchschnittliche Bürger aufbringen könne: Der risikofreudige Politiker trifft auch in unübersichtlichen Situationen eine Entscheidung, während ein Durchschnittsbürger sich auf der Suche nach der richtigen Option in Passivität verlieren würde. Und eine überschießende Entscheidungsfreude werde in einem System von Checks und Balances und nicht zuletzt von einer kritischen Öffentlichkeit abgedämpft. Eine gute Politik entstehe also aus der Kombination risikofreudiger Berufspolitiker und risikoscheuer Bürger.

          Doch man könnte die Ergebnisse auch anders einordnen. Am deutlichsten unterscheidet sich die Risikoneigung zwischen Politikern und übriger Bevölkerung in dem Bereich Karriere. So könnte es sein, dass eine starke Risikoneigung den Karriereweg zum Berufspolitiker begünstigt, aber deswegen noch lange keinen guten Politiker macht. Ebenso wie Vater werden andere Kompetenzen erfordert als Vater sein.

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