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Risiken des Hochfrequenzhandels : Das systemische Risiko der Dummheit

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Die nächste Krise kommt bestimmt: Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers wurde zum Symbol der letzten Finanzkrise
Die nächste Krise kommt bestimmt: Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers wurde zum Symbol der letzten Finanzkrise : Bild: AFP

Wo viele Hochfrequenzalgorithmen aufeinandertreffen, die in gleicher Weise die Funktionen ihrer Handelsplattform ausnutzen, kommt es aber zu Problemen. Zwar sind die Wechselwirkungen, die sich aus dem Zusammentreffen dieser Algorithmen ergeben, nicht weiter erforscht oder bekannt, aber wir müssen davon ausgehen, dass sie existieren. Letzte Gewissheit könnte nur die Analyse aller Börsendaten verschaffen, doch ihre Daten sind das Kapital einer Börse, das sie am besten hüten wird. Wir dürfen aber annehmen: Bei der Auftragsausführung kommt es immer wieder kurzfristig zu einseitigen Auftragskumulationen mit nachfolgenden Micro Flashes.

In Krisenzeiten, die gewöhnlich ohnehin mit erhöhter Volatilität der Märkte einhergehen, können sich so Wechselwirkungen zwischen Mensch, Maschine, Hochfrequenten und Niederfrequenten aufschaukeln wie eine „freak wave“ – die Befürchtung bleibt bestehen, dass die Welle irgendwann nicht mehr einfach nur sanft abklingt, sondern bricht und den ganzen Markt mit sich reißt. Die zentrale Drosselung des algorithmischen Verkehrs durch die Börsenplattform selbst ist nur die Notlösung, die das eigentliche Problem, nämlich das wenig intelligente Zusammenwirken hochfrequenter Algorithmen, die sich gleichzeitig auf den Kuchen stürzen, unangetastet lässt. Hochfrequenzalgorithmen haben somit Risikopotential, das Risiko, einen Crash zu verursachen, von dem sich die Märkte nicht mehr in so kurzer Zeit wie bisher erholen können. Drücken wir es so aus: Es scheint, bisher hätten wir noch Glück gehabt.

Gesetze kommen zu spät

Spätestens jetzt wird die Frage der Risikoprävention dringlich. Die klassische Lösung liegt am nächsten: Regulierung durch gesetzliche Eingriffe oder gar Verbote. So hat die European Securities and Market Authority (Esma) im Jahr 2012 Leitlinien für Finanzmarktteilnehmer mit elektronischen Handelsplattformen und Algorithmen formuliert. Hochfrequenzalgorithmen werden zwar nicht explizit vom Markt verbannt, denn zu gut ist die Hochfrequenzlobby in Brüssel vertreten. Zentrale Börsen unterstützen das Geschäftsmodell des Hochfrequenzhandels aktiv mit der nicht von der Hand zu weisenden Begründung, Hochfrequenzalgorithmen trügen zur besseren Liquidität eines Marktes bei, wenn sie dort kaufen oder verkaufen, wo aggressive niederfrequente Marktteilnehmer den Markt dominieren. Unter diesen Rahmenbedingungen können selbst Hochfrequenzalgorithmen marktstabilisierend wirken.

Doch die Grenze zur Marktmanipulation wie „Quote Stuffing“ – das ist die Eingabe einer großen Zahl von Aufträgen oder Stornierungen – ist fließend und kaum nachweisbar; falls doch, dann erst „ex post“ und lange nachdem der Risikofall eingetreten wäre. Zur Verringerung technischer Risiken, zumal sie in Echtzeit auftreten, sind gesetzliche Beschränkungen deshalb denkbar ungeeignet, schon weil der Zeithorizont beider Welten inkompatibel ist.

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