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Mit dem Zug in die Flut : Richtung Venedig

  • -Aktualisiert am

Vom Meer verschlungen: der Markusplatz Bild: AFP

Die Fahrt vom Festland zum Bahnhof Santa Lucia in Venedig ist dieser Tage ein Erlebnis besonderer Art. Eine melancholische Reise in die Lagunenstadt mit ungewisser Zukunft.

          2 Min.

          Der Zug schlängelt sich langsam durch die engen Kurven der Semmeringbahn. Es schneit, der Schaffner schaut auf die Fahrkarte und sagt: „Ach, Venedig, schön... Doch sind Sie sich sicher? Haben Sie nicht die Zeitung gelesen?“ Natürlich hat der Reisende die Zeitung gelesen. Regelmäßig meldet sich auch seine Bekannte von der Universität, die ihn in die Lagunenstadt eingeladen hat. Es ist eine Katastrophe, schreibt sie. Doch die Hoffnung ist noch da. In Villach regnet es in Strömen. Später in Italien verschwindet der Zug im Tunnel. Der Reisende öffnet seinen Baedeker für Oberitalien aus dem Jahr 1911. Er liest darin von den Springfluten im Winter, die dazu führen, dass sogar der Markusplatz mit Gondeln befahren werden muss. Die Bekannte schreibt, die Universität müsse leider geschlossen bleiben, die Veranstaltung fällt aus und das Hotel in Venedig wurde überflutet. Man müsse auf Mestre auf dem Festland ausweichen.

          Am Abend trifft der Reisende dort seine Bekannte und ihre Freunde in einer Osteria. Für morgen werde eine weitere hohe Welle erwartet, sagen sie. Sie erzählen von den überfluteten Bibliotheken, Kirchen und Häusern. Sie erzählen, die Stadt sei in den letzten hundert Jahren um dreißig Zentimeter in die Lagune abgesackt. Sie erzählen von den korrupten Politikern, die das Wasserschutzprojekt Mose nicht fertiggestellt haben. Doch der Reisende will nicht aufgeben. Am nächsten Morgen steigt er in den leeren Zug, der vom Festland nach Venedig fährt. Die kurze Reise zum Bahnhof Santa Lucia wird er nicht vergessen. Der Zug kämpft sich zuerst durch das wild bewachsene Moor und gleitet dann auf einer langen Eisenbahnbrücke, die 1846 von den Österreichern gebaut wurde, über die Lagune hinweg. Die Wasseroberfläche liegt greifbar nah, man sieht die kleinen überfluteten Inseln. Ganz langsam tauchen die Türme Venedigs aus dem Meer empor. Doch plötzlich bleibt der Horizont stehen. Beim Näherkommen steigt die Stadt nicht weiter aus dem Wasser. Sie kann nicht. Sie wird vom Meer festgehalten und verschlungen.

          Vor dem Bahnhof Santa Lucia sind die Bistros überfüllt. Die einen Touristen ziehen sich gerade die Gummistiefel aus und verlassen die Stadt, andere kommen gerade an und waten in Plastiküberziehern mit den Koffern durch die Gassen. Die Einheimischen eilen an ihnen vorbei und befestigen ein Café mit Sandsäcken. Der Reisende geht auf einer Brücke über den Canal Grande. Dahinter kann er noch ein paar Schritte tun, doch dann kommt das Wasser. Keine Gondeln und keine Vaporetti sind zu sehen, es sind kaum Schiffe unterwegs. Und jetzt merkt er es. Das Wasser ist nicht schwarz und trüb, wie er es erwartet hatte. Das Meer in den Gassen von Venedig ist türkisblau, so wie das Meer der Adria. Alles ist ruhig und still. Dann hat er das Gefühl, etwas zu hören. Die alte Stadt aus seinem Baedeker, sie ächzt, seufzt und weint.

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