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„Richard III“ in Zürich und Düsseldorf : Darf der Böse böse sein?

  • -Aktualisiert am

Der Winter unseres Hörvergnügens: Michael Maertens, Silvia Fenz und Ursula Doll spielen „Richard III“ in Zürich Bild: Matthias Horn

Man spielt den Teufel weg und duckt sich vor ihm auf Stühlen: Shakespeares „Richard III.“ halten die Theater in Zürich und Düsseldorf zum Beispiel nicht aus. Also machen sie ihn zum Angestellten.

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          Er hat für sich, seine Taten, seine Lüste und Launen, seinen Blutdurst und Mordtrieb, der vor kleinsten, zartesten Kindern nicht haltmacht, keinerlei Entschuldigung. Er würde auch jede Entschuldung sofort empört und hohnlachend von sich weisen. Der Buckel, der Klumpfuß, die Hässlichkeit des Krüppels - das sind nicht mehr als seine Accessoires, die Schauermaskeraden seines Schreckenswesens, nicht dessen Gründe. Hier errichtet kein Ausgestoßener, Ausgegrenzter, kein armer Rachekerl seine Horrorherrschaft, der die Verheerungen seiner Psyche zu kompensieren und seine Seelenwunden mit Leichen zu pflastern hätte gegen alle Welt. Hier errichtet ein Schöpfer seine eigene Welt. Ganz aus Bösem. Also aus sich. Sein berühmtester Satz lautet: „Richard liebt Richard. Also: Ich bin ich.“ Das heißt auch, dass es außerhalb dieses Ich nichts gibt. Er ist identisch mit dem, was er tut. Er ist weder zu erklären noch zu rechtfertigen. Und schon gar nicht zu therapieren. Er ist, was er ist. Das Böse. Es buchstabiert sich: Ego.

          Für eine Gesellschaft, die noch für das Schrecklichste nach Entschuldigungen und Erklärungen sucht, weil sie, wenn sie es erklärt und entschuldigt hat, es auch einzuhegen und zu bändigen glaubt, aber vor jedem „feigen, sinnlosen Mord“ (als gäbe es sinnvolle), vor jedem kalt bestialischen Massentöten, das sich als „Amoklauf“ sportiv garniert, vor jedem Massengrab in frauenmörderischen Biedermänner-Kellern und -Gärten sprachlich in die Knie geht - für so eine hilflose moderne Gesellschaft wäre Shakespeares dritter Richard, der toll grausige Held in einem Königsdrama von 1595, dem er den Namen gibt: eine Herausforderung. Schon einfach dergestalt, dass man akzeptiert, dass es ihn gibt. Dass er wahr ist.

          Ein Schlachthaus ohne Hierarchie

          Es sind jetzt kurz hintereinander in den Schauspielhäusern Düsseldorf und Zürich Inszenierungen von „Richard III.“ herausgekommen. Beide Male haben die Chefs Regie geführt, in Düsseldorf Staffan Valdemar Holm, in Zürich Barbara Frey. Und beide finden: Richard darf nicht wahr sein. Sie drücken sich vor dem Teufel. In Düsseldorf volkshochschulmäßig. In Zürich irrenhausmäßig. In Düsseldorf langweiliger. In Zürich lustiger. In Düsseldorf mit schlechteren, in Zürich mit besseren Schauspielern. In Düsseldorf dümmer, in Zürich intelligenter. Aber sie drücken sich. Das heißt: Sie lassen das Stück sich setzen. Auf Stühlen. In Düsseldorf stehen sie an den Wänden eines schwarzen, bühnenhohen wie bühnenbreiten, hermetisch geschlossenen Kastens. In Zürich stehen die Stühle zu beiden Seiten eines weißen, nach hinten offenen, dort nur durch einen großen, grünen Vorhang begrenzten Kastens.

          Richard hat den alten König Heinrich VI. und dessen Sohn abgestochen, er wird seinen Bruder Clarence, dann die kleinen Thronerben seines königlichen Bruders Edward ermorden lassen, wird Lady Anne, Schwiegertochter von Heinrich VI., die er von der Leiche ihres von ihm ermordeten Schwiegervaters weg verführt und ehelicht, auch ermorden, wird jedem, der sich ihm in den Weg stellt, den Kopf abschlagen - und hat ein riesiges Vergnügen daran. Er ist ein Verbrecher aus gewonnener Lust. Der jede Tat mit der nächsten auslöscht. Ein Nihilist aus Lebensbejahung - das heißt: Bejahung nur des eigenen Lebens. Ein Metzger, der die Hierarchie im feudalen Schlachthaus zerstört. Nicht wer das längste Messer hat, herrscht, sondern wer die Menschen und die Worte derart verdrehen kann, dass sie gar nicht mehr erkennen, wer das längste Messer hat.

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