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Richard David Precht : Rückzug ist die beste Verteidigung

  • -Aktualisiert am

Nach der Schlacht von Borodino – hier dargestellt von Franz Roubaud auf einem Gemälde aus dem Jahr 1913 – zog sich Feldmarschall Michail Illarionowitsch Kutusow zurück und gab Moskau preis. Bild: Picture-Alliance

Experte für alles Mögliche: Richard David Precht erklärt, warum der Krieg die falsche Metapher im Kampf gegen das Coronavirus ist – und offenbart damit eine Bildungslücke.

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          Der russische Feldmarschall Michail Illarionowitsch Kutusow starb im Jahr 1813. Der deutsche Germanist und Populärphilosoph Richard David Precht dagegen ist unser Zeitgenosse, ein Bestsellerautor, Verfasser von Zeitungsartikeln und Kommentaren und regelmäßiger Gast in Talkshows. Es ist also kein Wunder, dass der eine den anderen nicht kennt, zumal in Zeiten von Kontaktbeschränkung und sozialem Distanzgebot.

          Trotzdem hätte man sich gewünscht, der Autor Precht hätte sich wenigstens ansatzweise, mit dem gebotenen Mindestabstand von zwei Jahrhunderten, für Kutusow interessiert. Denn nach seinen über zwanzig Jahre hin vorgelegten Expertisen zu Grundfragen der Philosophie und der Liebe, zur Ethik, zur Bildung, zur Migration, zum Steuerrecht, zur Stammzellforschung und anderem mehr hat sich der deutsche Publizist jetzt zu einem Gebiet geäußert, auf dem der Marschall des Zaren Experte war. Der Krieg, wie ihn Trump oder Macron beschwören, sei die falsche Metapher für den Kampf gegen das Coronavirus, hat Richard David Precht im Gespräch mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ erklärt – denn wir, die Gesellschaft, stellten uns dem Gegner ja nicht, im Gegenteil: Wir wichen vor ihm zurück, wir versuchten, ihm so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. „Das ist nach allen Regeln der Kunst das Gegenteil von Krieg.“

          Meint zu wissen, was nach allen Regeln der Kunst das Gegenteil von Krieg ist: Richard David Precht

          Nach allen Regeln der Kriegskunst ist dieser Satz das Gegenteil von wahr, und Kutusow hat dafür den Beweis erbracht. Als Napoleon mit seiner Riesenarmee in Russland eindrang, zog Kutusow sein Heer ins Landesinnere zurück und gab sogar Moskau kampflos preis. Als dann die Grande Armée Fersengeld gab, versetzte ihr Kutusow nur ein paar leichte Schläge, um sie auf der garantiert tödlichen, weil leergefressenen Rückmarschroute zu halten. Tolstoi hat ihn in „Krieg und Frieden“ dafür gefeiert, einen dicken, einäugigen, durch Narben entstellten Greis, der gutes Essen und schöne Frauen liebt und in Strategiesitzungen einschläft, weil er die Schreibtischgeneräle verachtet – „ich warte noch, Majestät“, sagt er zu dem ungeduldigen Zaren, der ihn fragt, wann er endlich mit der Schlacht beginne.

          Kein Heldenrezept, gewiss, aber gegen Napoleon hat es funktioniert, und nach allem, was wir über die Ausbreitung der Pandemie wissen, wirkt es auch gegen Corona, jedenfalls solange die zuständigen Regierungen dem Gegner nicht allzu viel Raum lassen. Für Richard David Precht aber gilt, dass auch der Experte für alles Mögliche sich gelegentlich in die Tiefe seiner Unzuständigkeit zurückziehen und zu einem Thema schweigen muss, wenn er die dafür maßgeblichen Fachleute nicht kennt. In seinem Fall ist es Kutusow.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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