https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/richard-david-precht-und-harald-welzer-die-totgeschwiegenen-promis-18337547.html

Precht und Welzer : Die totgeschwiegenen Promis

  • -Aktualisiert am

Richard David Precht (l.) und Harald Welzer Bild: Debora Mittelstaedt

Der Auftritt von Richard David Precht und Harald Welzer wirkt wie ein Experiment, das testen soll, wie empfänglich die von ihnen so genannten Qualitätsmedien für Empörung sind.

          2 Min.

          Richard David Precht und Harald Welzer haben in der vergangenen Woche der Öffentlichkeit ihr neues Buch „Die vierte Gewalt - Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ vorgestellt –  so gut es eben ging: Mehr als ganzseitige Interviews in den Mainstreammedien „Stern“ und „Zeit“ waren nicht drin, wie laut ihr Buch totgeschwiegen wird, wenn es nächste Woche erscheint, ist noch nicht abzusehen.

          Fest steht aber schon eines: Man wird, was immer man auch sagt, den beiden Denkern nur Recht geben können – sei es, indem man ihrer Diagnose von der „Einhelligkeit der veröffentlichten Meinung“ zustimmt; oder indem man ihnen widerspricht und damit die Intoleranz für abweichende Meinungen belegt, die sie beklagen.

          Im Zweifelsfall halten sie jeden Einwand gegen ihre Thesen für eine „Dekontextualisierung“ und jede Bestätigung nur für „vorgetäuschten Meinungspluralismus“. Der Auftritt von Precht und Welzer wirkt fast wie ein Hoax, ein Experiment, das testen soll, wie empfänglich die von ihnen so genannten Qualitätsmedien inzwischen für unterkomplexe Empörung sind, solange sie mit einer gewissen Prominenz daherkommt. Vermutlich sitzen sie gerade an irgendeinem Stammtisch und freuen sich, dass man ihnen all ihr Gepolter als ernsthaften Debattenbeitrag durchgehen ließ.

          Schon dass niemandem all die Widersprüche aufgefallen sind, dürfte ein Grund zum Feiern sein: Die pauschale Klage, dass „die Medien (…) pauschal jene angegriffen“ hätten, die auf die Folgen des Kriegs in der Ukraine hingewiesen hätten. Oder die These, dass sich die Journalisten in den etablierten Medien am Beifall der Kollegen und der moralischen Minderheiten in den sozialen Netzen orientieren, obwohl sie im „Kampf um Aufmerksamkeit“ doch so schwer unter Druck geraten, dass es viel lukrativer wäre, das Ressentiment der „Menschen da draußen“ zu bedienen.

          Der größte Coup der Autoren aber dürfte sein, dass sie ihre abweichende Meinung über die Aufgabe der Journalisten geschickt an den Kontrollen der Medien vorbeischmuggelten, indem sie sie als unumstößliches Prinzip verkleiden. „Der Journalismus hat für die Demokratie eine Integrationsfunktion“, sagt Welzer, als seien Medien eine Art Parlament, dessen Pflicht es ist, die öffentliche Meinung abzubilden; als wäre Öffentlichkeit immer noch ein Privileg; als könnte nicht jeder Kriegsgegner seine Meinung in einer eigenen Facebook-Gruppe posten.

          Woher aber wissen Precht und Welzer, dass sich die Mehrheitsmeinung von der „veröffentlichten Meinung“ unterscheidet? Aus der U-Bahn, die sie im Gegensatz zu den Kollegen in den „medialen Eliten“ offenbar leidenschaftlich benutzen, oder aus Umfragen, denen sie als Instrumente der Meinungsbildung wie ein guter Sophist aber nur solange trauen, wie sie ihnen nützlich sind. Schließlich, erklären sie, leben wir inzwischen in einer „Mediokratie“. In dieser würden, so warnen sie, Politiker von Meinungsumfragen „stark getrieben“. 

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Weitere Themen

          Das Weimarer Doppelgesicht

          FAZ Plus Artikel: Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Zu sehen ist eine Diktatur

          Iran und das Assad-Regime : Zu sehen ist eine Diktatur

          Sind die syrischen Proteste vor dem Krieg mit den aktuellen in Iran vergleichbar? Die beiden Regime sind eng miteinander verknüpft. Noch ein Grund, weiterhin genau hinzuschauen.

          Topmeldungen

          Ausnahmsweise ohne Buch in der Hand: Buschmann im Sommer bei der Kabinettsklausur in Meseberg

          Die zwei Justizminister : Wer ist Marco Buschmann?

          Fußnoten-Liebhaber und Musikproduzent: Justizminister Buschmann pflegt eine widersprüchliche Selbstinszenierung. Wenn es um seine Überzeugungen geht, ist vom braven Aktenmenschen aber nicht mehr viel übrig. Dann kämpft er hart.

          2:1 gegen Australien : Argentinien zittert sich ins WM-Viertelfinale

          Im Achtelfinale gegen Australien ist Lionel Messi der entscheidende Mann. Beim 2:1-Sieg seines Teams macht er sein 1000. Pflichtspiel. Aber Messi ist nicht alles, was Argentinien bei dieser WM zu bieten hat.
          Französischer Doppeldecker über einer Industrieanlage im Ruhrgebiet: Die Besetzung wegen ausstehender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs begann im Januar 1923 und dauerte bis 1925.

          Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.