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Trumps Rhetorik : Trommelfeuer, Nebelkerzen

  • -Aktualisiert am

Bei der klassischen Rhetorik kommt es darauf an zu begreifen, was das in der jeweiligen Handlungssituation wirklich Beste ist. Bei Trump hingegen geht es nur um Demagogie. Bild: AP

Donald Trumps Rhetorik erscheint auf den ersten Blick plump und brachial. Doch sie beruht auf sophistischem Kalkül. Ein Gastbeitrag.

          Kurz nach der Antrittsrede Donald Trumps als amerikanischer Präsident sorgte eine Twitternachricht für Verwirrung. In ihr postete Trump ein Bild von sich mit der Unterschrift: „gerade dabei, meine Inaugurationsrede zu schreiben, vor drei Wochen, freue mich auf Freitag“. Hat Trump also diese Rede selbst, ohne professionelle Redenschreiber, verfasst? Dann kam Entwarnung: Das meiste stamme doch von seinen Beratern Stephen Miller und Steve Bannon.

          Alles andere wäre auch irritierend, denn die Rede präsentiert sich zwar in einem einfachen Stil, doch die rhetorische Formung der Sprache ist unverkennbar. Vergleicht man die Rede mit Äußerungen, die Trump im Wahlkampf und nach der Wahl machte, erkennt man zwar Unterschiede in der berüchtigten Impulsivität und den kommunikativen Kontrollverlusten der – zumindest zum Teil – unvorbereiteten Reden. Etwas aber ist gleich geblieben, etwas, das sichtbar gemacht werden kann, wenn man in der Geschichte der Rhetorik bis in die Antike zurückgeht. Dort, in den Anfängen der Redekunst, standen sich zwei Optionen unversöhnlich gegenüber, die mehr über Donald Trumps Rhetorik und Politikverständnis verraten als jeder konkrete Faktencheck.

          Die Anfänge der Rhetorik liegen im fünften Jahrhundert vor Christus in Griechenland. Die damals auch wirtschaftlich erfolgreichsten Intellektuellen, die Sophisten, vertraten laut ihrem Zeitgenossen Platon die Auffassung, dass Reden Macht sei und den Redner in die Lage versetze, das schwächere Argument zum stärkeren zu machen. Rhetorische Bildung müsse nicht nach der Substanz des Gesagten fragen, sondern ermöglichen, sich mit dem eigenen Standpunkt auch unabhängig von dessen Richtigkeit durchsetzen zu können. Das Ringen um die konkrete Sache und ihre spezifischen Ursachen gerät damit in den Hintergrund. Platon kritisierte diese Entkoppelung des Redens von Wissen und Wahrheit scharf. Er tat dies aus einem einfachen Grund: Das Wissen, um das es in der Rhetorik geht, ist kein theoretisches, sondern eines, bei dem es darauf ankommt zu begreifen, was das in der jeweiligen Handlungssituation wirklich Beste ist. Und dies ist kein einfaches Unterfangen, ganz besonders, wenn es um das Beste für einen ganzen Staat geht.

          Der politische Redner soll einen guten Charakter haben

          Aristoteles baute auf Platons Kritik an den Sophisten auf. Er formulierte seine Rhetorik aber nicht mehr als Kampfansage an eine aktuell dominante rhetorische Technik, sondern als konkrete Anleitung für die Redepraxis: Die Redekunst müsse das, was wirklich überzeugend sei, aufzudecken lehren. Sie soll nicht übervorteilen und einlullen, sondern bei einem Sachverhalt das herausarbeiten, was wirklich von Vorteil, wirklich gerecht ist.

          Bei der Gattung der politischen Rede ist das besonders spannend: Hier bietet die aristotelische Rhetorik alles auf, was zu einer klaren Sicht auf die Dinge befähigen kann. Der politische Redner muss einen guten Charakter haben und gerecht mit praktischer Klugheit urteilen können. Auch gute Kenntnisse in Psychologie verlangt Aristoteles. Denn nur so könne man bei dem Publikum die angemessenen Emotionen dem Sachverhalt gegenüber erzeugen. Es ist eine auf Wissen und Einsicht gegründete Rhetorik. Sie will dadurch überzeugen, dass sie zu dem rät, was für die Bürger wirklich gut ist und wahrhaft Wohlstand bringt.

          Nicht nur seine Meinung gut verkaufen

          Damit schließt sich der Kreis zwischen Ethik und Politik, den die Sophisten, wie Platon sie darstellte, mit brachialer Sprachgewalt aufgebrochen hatten. Bei Aristoteles geht es in Ethik und Politik um das richtige Handeln des Einzelnen im Staat. Er beginnt seine Nikomachische Ethik damit festzuhalten, dass alle Menschen immer nach einem bestimmten Guten streben. Jeder wähle die Handlungsoption, die ihm die jeweils beste zu sein scheint.

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