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Rezension : Wie Kunst mit der Wirtschaft umgeht und umgekehrt

  • -Aktualisiert am

Bild: Hatje Cantz

Aktueller Katalog: „Art & Economy“ beleuchtet eine problematische Liaison, ohne die der Kunstbetrieb immer weniger auskommt.

          Ein großes gelbes „m“ stand im vergangenen Jahr für mehr als einen global agierenden amerikanischen Fastfoodkonzern. Auch dem weltweit wichtigsten Kunstereignis des Jahres, der Kunst-Biennale von Venedig, wurde es gleichsam zum Logo.

          Kein Kunstwerk, das 2001 in Venedig zu sehen war, dürfte so häufig reproduziert worden sein wie die McDonalds-Installation von Masako Nakamura im japanischen Pavillon. Die Frage war nur: Was will uns der Künstler damit eigentlich sagen? Ist er ein Vollzugsagent der McDonaldschen Unternehmensphilosophie oder handelt es sich um eine Aneignung, die die kritische Aufmerksamkeit auf das rücksichtslose Geschäftsgebaren der Hamburgerkette richtet?

          Nakamura selbst scheint an keinem klärenden Kommentar interessiert gewesen zu sein. Eine Variante der Präsentation in Venedig zeigte er auf der Ausstellung „Art&Economy“ in den Hamburger Deichtorhallen. In der gleichnamigen Publikation werden nicht nur Aspekte der oft problematischen Liaison von Kunst und Wirtschaft, sondern auch gut 30 Kunstprojekte in Textbeiträgen erläutert - nur Nakamuras Installation nicht. Stattdessen ziert den vom Layout vorgesehen Kasten die Endloswiederholung eines getippten „m“.

          Wer Geld nimmt, wird tätowiert

          Kunst und Ökonomie - gar kein Unterschied, könnte man da meinen. Dass der Kunstbetrieb keine Insel jenseits der ausbeuterischen Bedingungen des globalisierten Kapitalismus darstellt, macht der spanisch-mexikanische Künstler Santiago Sierra auf fast zynische Weise bewußt. Gegen bescheidenes Salär engagiert Sierra sozial „schwache“ Menschen, Arbeitslose oder Asylbewerber, die sich sinnlos erscheinenden Prozeduren unterziehen oder unnötig anstrengende Tätigkeiten verrichten. Dass sich Einwanderer aus Senegal, Bangladesh, China oder Süditalien während der Kunst-Biennale in Venedig die Haare blond färben ließen, war trotz rassistischer Konnotation noch die harmloseste Aktion. Andere Menschen stemmten stundenlang eine Wand hoch oder verharrten für mehrere Tage kauernd in einem Karton. Für nur 50 Dollar waren drogenabhängige Prostituierte in Salamanca bereit, sich eine Linie auf den Rücken tätowieren zu lassen.

          Ist das kritisch oder bloß zynisch? Es ist kein Einzelfall, dass solche Wertungen heute schwer zu ziehen sind. Auch der Künstler steht nicht außerhalb des „Systems“, sondern spielt eine Rolle innerhalb der Verhältnisse, wie Sierra die des menschenverachtenden Ausbeuters. Vielleicht bleibt der Kunst auch gar nichts anderes mehr übrig, als zu populären Superzeichen oder provokanter Drastik zu greifen, um noch ein minimales Stück der immer knapper werdenden Ressource Aufmerksamkeit zu ergattern.

          Mehr Wissen als Kunst

          Art & Economy lenkt die Aufmerksamkeit auf die Frage nach der Möglichkeit fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wirtschaft einerseits, die Probleme ökonomischer Abhängigkeiten andererseits. Dabei tritt die Kunst selbst fast ein wenig in den Hintergrund. Aber Kunst ist eben nicht in erster Linie ein Informationsmedium.

          Wer etwas über den Kunstmarkt im frühen 18. Jahrhundert wissen will, wird dessen ökonomische Struktur nicht aus Watteaus berühmtem Ladenschild für den Kunsthändler Gersaint herauslesen können, auch wenn das Gemälde als anschauliches historisches Dokument zweifellos hohen Wert besitzt. Komplexe Hintergründe und Kausalzusammenhänge zu erläutern, ist vor allem Sache der verbalen Vermittlung. Diese erfolgt in zahlreichen, knapp und zielgerichtet auf die jeweilige Fragestellung zugespitzten Katalogbeiträgen und bezieht auch Aspekte ein, die den Rahmen der Ausstellung gesprengt hätten. So kann man sich in Grundzügen über die Kunstförderung in so unterschiedlichen Ländern wie Japan, Ungarn, Mexiko und Südafrika informieren.

          Aber auch Information kostet Geld, und da wird der Endverbraucher beim Erwerb des Katalogs über Gebühr belastet. Als Mittelloser müsste man sich von Santiago Sierra einiges gefallen lassen, ehe man sich das Buch leisten könnte. Aber wer hätte etwas davon, wenn er gar nicht zum Kunstbetrieb gehört? Das tun die Teilnehmer an Sierras Aktionen, worauf der Künstler ausdrücklich hinweist, allesamt nicht. Eines verbindet Kunst und Ökonomie allemal: Von beidem kann nicht jeder profitieren.

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