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Rezension : Stolz und kleinlaut, staatstragend und intim: Briefe eines Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Bild: HörZeichen

60 zornige, hoffnungs- oder liebevolle Briefe geben Einblicke in Gemütsbewegungen von bekannten und unbekannten Menschen im vergangenen Jahrhundert.

          2 Min.

          Sieben Tage vor der Hochzeit mit Adolf Hitler und acht Tage vor ihrem Tod schreibt Eva Braun einen Brief an ihre Schwester Gretl. Der Brief ist ein Vermächtnis, in dem Eva Braun den Nachlass ihres Schmucks regelt. Die Zeilen vom 23. April 1945 sagen jedoch weit mehr: „Der Führer selbst hat jeden Glauben an einen glücklichen Ausgang verloren. Wir alle hier - und ich inbegriffen - hoffen, solange noch Leben in uns ist ...“

          Wie Eva Brauns Brief erzählen die meisten Briefe der Hörlesung „Meine liebe ...! Sehr verehrter ...!“ etwas von einem Menschen und etwas über seine Zeit. Schauspieler wie Uwe Friedrichsen, Bruno Ganz und Anna Thalbach lesen die traurigen und zornigen, hoffnungsvollen und heiteren „Briefe eines Jahrhunderts“ von unbekannten und bekannten Verfassern wie Wilhelm Busch, Albert Einstein oder Rosa Luxemburg.

          Die 60 deutschsprachigen Briefe, die Barbara und Peter Gugisch auswählten, spannen einen historischen Bogen über das vergangene Jahrhundert, und sie zeigen eindrucksvoll den Wandel von Sprache und Themen der jeweiligen Zeit. Da ist etwa der Brief von Paula Modersohn-Becker an ihre Mutter von 1902. Die damals 26 Jahre alte Malerin „fühlt Morgenröte“, erkennt, dass sie einen Durchbruch in ihrer künstlerischen Entwicklung erzielt hat, und berichtet davon stolz ihrer Mutter. In einem leidenschaftlichen Appell beschwört der Studentenführer Rudi Dutschke 1968 Josef Bachmann, mit ihm gegen die herrschenden Cliquen zu kämpfen. Bachmann hatte Dutschke Monate zuvor bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt.

          Staatstragende Worte richten Kaiser Franz Joseph I. an Kaiser Wilhelm II. oder Theodor Heuss an Konrad Adenauer, Hinweise auf persönliche Gefühle sucht man vergebens. Einer ganz anderen Sprache bedient sich dagegen der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Wolf Biermann. In einen offenen Brief heißt er den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, der 1987 die Bundesrepuplik besucht, „im Westen willkommen“. Aus seinem Zorn und seiner Trauer macht der Liedermacher keinen Hehl. Zynisch und dennoch humorvoll berichtet der Rentner Rudolf G. aus Gotha seinen Kindern und Enkeln über das aktuelle Warenangebot Weihnachten 1982.

          In den persönlichen Schreiben ist viel von den gewaltsamen Trennungen des 20. Jahrhunderts die Rede, die oft nur durch einen Brief überwunden werden konnten. Angesichts von Krieg und Gefangenschaft, Emigration und Vertreibung und der Teilung Deutschlands waren sie oft die einzige Kommunikationsform, ein Lebenszeichen, das Hoffnung in trostloser Lage machen sollte. Heute sind sie Zeugnisse der Zeitgeschichte.

          Obgleich die Briefe von 365 verschiedenen Adressaten an nahezu eben so viele verschiedene Empfänger gerichtet sind, lösen die Texte beim Hörer Freude, Betroffenheit oder gar Bestürzung aus. Das ist der gelungenen Auswahl der „Vorleser“ zu verdanken, die mit ihrer Stimme die Briefschreiber und ihre Stimmung im Geiste des Hörers zum Leben erwecken, und dem Inhalt des Briefes Gehör verschaffen.

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