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Rezension : Silvia Eiblmayr auf feministischen Abwegen

  • -Aktualisiert am

Silvia Eiblmayrs Katalog „Die verletzte Diva - Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ macht die „Hysterie“ zum Motor der Moderne.

          2 Min.

          Am Anfang steht die These: Die emanzipatorische Befreiungsbewegung habe alle Umwälzungen im 20. Jahrhundert vorangetrieben, so das Vorwort. Es kündigt die Neuinterpretation der künstlerischen und gesellschaftlichen Fakten unter feministischen Vorzeichen an. Ein ehrgeiziges Versprechen, das der Katalog kaum einlösen kann.

          Den erklärenden Part übernimmt Eiblmayr im einführenden Aufsatz des Buches: Als exemplarische Figur stellt sie Hedy Lamarr vor - „Die verletzte Diva“. Berühmt geworden war die Schauspielerin 1933 durch die erste Nacktrolle der Filmgeschichte, kurz darauf kürte Hollywood sie zur „schönsten Frau der Welt“. Nebenbei glänzte Lamarr als Erfinderin einer Funkfernsteuerung für Torpedos. Damit spiegele diese Frau perfekt die Widersprüchlichkeit der Weiblichkeitsphantasien im 20. Jahrhundert, meint Eiblmayr.

          Feministische Neuinterpretation

          Doch setzt Eiblmayrs „feministische Neuinterpretation“ nicht erst bei Lamarr an. Zum Dreh- und Angelpunkt des Buches wird die „Hysterikerin“: Der Katalog zeichnet den Weg nach von der klinischen Deutung des hysterischen Krankheitsbildes im 19. Jahrhundert über Sigmund Freuds hysterische Patientin „Dora“ zu den Surrealisten. Das medizinische Problem hat sich nun in ein künstlerisches Thema verwandelt. Mit Aktionismus und Performance, die sich zunehmend auch für den männlichen Körper interessierten, spannt sich der Bogen bis in die 60er Jahre. Durch eine „Problematisierung von Geschlechterrollen“ und „die Emanzipation der Homosexualität“ sei das Interesse an feministischer Kunst damals neu entfacht worden.

          Diesen Rundumschlag begleitend, lässt der Katalog zehn Autoren zu Worte kommen: Kunsthistoriker, Kulturtheoretiker und Literaturwissenschaftler, Philosophen, Psychoanalytiker und Pädagogen. Ihre Aufsätze handeln von der „Stimme der Diva“ oder von der Hysterie als Form der Kommunikation. Der eine entdeckt Zusammenhänge zwischen der „performativen Männerhysterie“ in der NS-Bücherverbrennung und den „männlich-hysterischen Grenzüberschreitungen“ der zeitgenössischen Avantgarde-Künstler. Der andere sieht Übereinstimmungen in der ethischen Position von Sophokles Antigone, der Juliette des Marquis de Sade und Gudrun Ensslin in Margarethe von Trottas Film „Die bleierne Zeit“.

          Wenig Erhellendes

          Peter Gorsens Aufsatz über die Rolle der Hysterie in Kunst und Theorie des Surrealismus ist einer der wenigen lesenswerten Beträge. Wer sich auf feministischen Spuren durch das Katalogbuch kämpfen will, braucht viel Geduld und Ausdauer. Im Mix aus Psychologie- und Medizingeschichte, Kunst- und Kulturwissenschaft ist eine klare Zielrichtung schwer auszumachen.

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