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Rezension : Russische Illusionen

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Bild: DVA

Neues Sachbuch: Der Journalist Michael Thumann schildert seine Eindrücke vom Vielvölkerstaat Russland.

          Wer in Moskau einen kurzen Spaziergang zwischen den drei im Dreieck nahe beieinanderliegenden Bahnhöfen "Leningradskij", "Jaroslavskij" und "Kasanskij“ macht, kann eine Vorstellung davon gewinnen, welche ungeheuren Weiten in der Russischen Föderation zurück zu legen sind.

          Von den drei Stationen fahren Züge in fast alle Richtungen des Landes. Nach Smolensk, das nach russischen Verhältnissen nahe bei Moskau liegt, sind es acht Stunden, nach Murmansk 42 Stunden und nach Novosibirsk sogar 55 Stunden. Und Novosibirsk liegt gerade einmal in der Mitte des Landes. Von der ist es noch einmal mehr als genauso weit bis nach Jakutsk, von Wladiwostok ganz zu schweigen. In diesem riesigen Reich leben zwischen 84 und 172 verschiedene Völker und ethnische Gruppen - wie viele es genau sind, weiß niemand genau: Die Zählweisen differieren.

          Achtzig Prozent der Bevölkerung sind Russen, das sind rund 120 Millionen Menschen. Kleine Völker wie die Tscherkessen zählen gerade einmal fünfzigtausend. Seit die ethnisch noch vielfältigere Sowjetunion zusammengebrochen ist, neigen nicht nur die westlichen Beobachter zu dem Irrtum, Russland für einen recht homogenen Nationalstaat wie die meisten anderen in Europa zu halten. Auch viele Russen, zumal wenn sie - wie weit über zehn Prozent der Bevölkerung - in den Ballungsräumen Moskau und Sankt Petersburg leben, blenden oft aus, dass ihr Land noch von zahlreichen anderen Völkern bewohnt wird.

          Dabei - und das schildert Michael Thumann in seinem Buch „Das Lied von der russischen Erde“ überzeugend - birgt diese Ignoranz große Gefahren für die innere Stabilität des Landes. Leicht kann sie nämlich in Hass des Mehrheitsvolkes gegen die Minderheiten umschlagen, wie es im September 1999 schon einmal geschehen war. Damals konnten kaukasisch aussehende Menschen im Westen Russlands nicht sicher und ungestört leben, da Terroristen ihrer Nationalitäten Bombenanschläge auf russische Wohnhäuser nachgesagt wurden. Heute übrigens erhärtet sich der Verdacht, dass der russische Geheimdienst seine Finger im Spiel hatte und die antikaukasische Stimmung für den schmutzigen Krieg in Tschetschenien nutzen wollte.

          Fremde, archaische Welt

          Dabei haben wir es im Kaukasus in der Tat mit einer fremden, archaischen Welt zu tun. Das spannendste Kapitel in Thumanns Buch handelt von einem Entführungsfall in Inguschetien, einer Nachbarrepublik Tschetscheniens. Dort, wo die Gesetze der Zivilisation gebrochen werden von den kriegerischen Traditionen einer patriachalisch orientierten Gesellschaft, nahm ein tschetschenischer Klan zwei Kinder einer einflussreichen Familie als Geiseln. Im westlichen Teil Russlands, selbst die Korruptheit der staatlichen Sicherheitskräfte in Rechnung gestellt, hätten die Betroffenen die Polizei gerufen.

          Nicht so im Kaukasus, wo Männer das Recht lieber in die eigene Hand nehmen, statt sich auf die vom fernen Moskau gelenkten Sicherheitsorgane zu verlassen. Die Familie der entführten Kinder entführte ihrerseits wohl ein Dutzend Verdächtiger und begann einen Handel um das Leben der Kinder, denn Lösegeld zu zahlen hätte die Ehre der Familie verletzt. Am Ende kamen die beiden Kinder frei, die rivalisierenden Familien legten ihren Zwist bis auf weiteres bei, ein denunziatorischer Nachbar verschwand auf Nimmerwiedersehen.

          Putin zieht die Zügel an

          Ein paar mehr solcher Geschichten aus den Winkeln des Riesenreiches hätten das lesenswerte Buch des ehemaligen Zeitkorrespondenten in Moskau bereichert. Bücher von Journalisten profitieren davon, dass die Augenzeugenschaft der Autoren ihre Thesen zumindest anekdotisch unterstützt. Thumanns Thesen und die von ihm zusammen getragenen Fakten helfen jedoch auch so, die Fliehkräfte der Russischen Föderation - vom Kaukasus bis nach Sibirien - besser zu verstehen. Zumal Thumann einleuchtend zeigt, wie Präsident Putin, im Gegensatz zu Jelzin, die Zügel wieder anzieht und die Autonomie der Provinzen und Republiken zurecht stutzen will.

          Dieses straffere Regiment mag zum einen auf den Widerstand von Völkern stoßen, die wie im Kaukasus lieber ihren eigenen Regeln folgen, es kann aber auch verhindern, dass Russland - wie einst die Sowjetunion - durch den Ehrgeiz von Provinzfürsten implodiert. Das zu verhindern ist die erklärte Absicht der Moskauer Führung im Tschetschenien-Krieg. Ob sie mit dieser Strategie Erfolg haben wird, steht dahin.

          Wer sich für die widerstrebenden Käfte im größten Land der Erde interessiert, findet in Michael Thumanns Buch eine gut lesbare Einführung.

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