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Rezension : Poltergeist in Lederhose

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Mit der banalen Frage „Wer zahlt's?“ stochert Gerhard Polt zielsicher im Sumpf bequemer Bürgerbefindlichkeit. Sein Hörbuch zeigt ihn erneut als routinierten Satiriker.

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          „Die Tatsache, dass wir Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, verdanken wir meiner Meinung nach eindeutig dem Amerikaner. Aber der Amerikaner sagt: 'I don't pay!' Seitdem zahlen wir. Wir zahlen alles. Die Albaner zahlen wir, damit sie unten bleiben. Wenn sie nach oben kommen, zahlen wir, dass sie wieder nach unten gehen. Brennt in Thailand ein Puff, wir zahlen's.“

          Der diese Auslassungen macht, ist Beamter der Besoldungsgruppe H15. Nach dem, was der Umzug der Regierung nach Berlin gekostet hat und was er selbst den Staat jeden Monat kostet, wäre es wohl besser gewesen, wir hätten den Krieg verloren.

          Der Kabarettist Gerhard Polt kämpft in seinen Vorträgen derart durchs deutsche Gemüt, dass wohl jeder etwas aus seiner Befindlichkeits-Melange wiederfindet. Polt sucht seine Themen bei Kleingeistern wie bei weltgewandten Menschen. Seine Wendungen und Gedankenverknüpfungen lassen sich auf alle gesellschaftlichen Schichten übertragen. Trägt Polt etwa seine Definition von Toleranz vor, stellt sich beim Zuhörer gleich ein Aha-Erlebnis ein: „Toleranz bedeutet soviel wie 'Aushalten können'.“ Aber dann: „Wenn früher einer gefoltert worden ist, dann war der tolerant!“ Seinen Toleranzbegriff projiziert der Vortragende nun auf weitere Situation des alltäglichen Lebens, etwa den ausländischen Nachbarn, seine Fernsehgewohnheiten, aber auch seine Ehe. Er bleibt dabei tolerant.

          Aktuell ist das Thema Hilfeleistung. Jeder Bürger hat die Pflicht, auf seine Umwelt zu achten und Dinge nicht einfach geschehen zu lassen. Aber, Hand aufs Herz, wer sieht nicht lieber weg, um seinen Weg ohne Unterbrechung fortführen zu können? Wer denkt nicht lieber an einen Fehlalarm, wenn die Alarmanlage eines Autos anspringt? Polts Protagonist gibt zu, dass er bei einem Problem mit einem Kampfhund nicht gleich eingreift. Bei einem Abstand von zwanzig Metern und einem gesicherten Fluchtweg würde er vielleicht ein „Pfui“ einwenden.

          Jetzt ist er wegen unterlassener Hilfeleistung belangt worden. Ein Nichtschwimmer ist in einem Badesee ertrunken. Der Vortragende erörtert seine Sicht des Vorfalls und kommt zu dem Schluss, es sei nur zwangsläufig, dass ein Nichtschwimmer ertrinkt. Wer soll sonst ertrinken! Und wenn schon einer Hilfe schreit: Wer reagiert denn sofort? Und überhaupt: „Starke Menschen schreien nicht, weil sie eh wissen, dass ihnen keiner hilft!"

          Der Poltsche Witz besteht in der Überzeichnung einfacher kausaler Zusammenhänge, wie viele sie sehen mögen. Mit eindimensionalen Argumentationsketten zeigt Polt dann das Absurde eben solcher Gedankengänge, wenn man die zu Ende denkt. Gerhard Polt geht es um eine Änderung der Perspektive, aus der gesellschaftliche Diskurshäppchen betrachtet werden. Für den einzelnen kann sich dadurch der Blickwinkel ändern. Damit ist schon viel getan, obwohl Polt der Meinung ist, dass er die Menschen nicht besser macht. Er will den Menschen etwas erzählen, seine Geschichten sind symptomatisch für eine Gesellschaft, die den Einzelnen dazu bringt, gewisse Äußerungen zu machen. Dabei kommt es oft mehr darauf an, wie der Einzelne etwas sagt, als darauf, was er sagt.

          Polt versteht es so gut, sich in die Rolle des einerseits liebenswerten, andererseits aber auch äußerst brutalen Spießbürgers hineinzuversetzen, dass der Verdacht aufkommen mag, er sei vielleicht selber einer. Polt gibt das auch durchaus zu. Seine Darstellungen wären nicht möglich ohne die inneren Verquickungen, die der Mensch als des Menschen Wolf in sich trägt. Jeder wird diese Gefühle des Argwohns oder der Schadenfreude in sich finden.

          Trotzdem sind wir wohl noch zu retten - sonst könnten wir über Gerhard Polts Humor nicht lachen.

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