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Hörbuch „Känguru-Offenbarung“ : Das Asoziale Netzwerk jagt den Pinguin

Spricht Deutsch, liebt Schnapspralinen: Klings Känguru Bild: Picture-Alliance

Der „Kleinkünstler mit Migränehintergrund“ und das sprechende, kommunistische Känguru treiben wieder ihr politisch unkorrektes Unwesen: Es ist Marc-Uwe Klings dritter Streich. Kann er sich diesmal selbst übertreffen?

          Führte man wie Marc-Uwe Kling beständig Selbstgespräche, könnte man diese Besprechung so beginnen: Im Hörbuch hat er das Jahr 2014 dominiert, sag’ ich. Platz eins, zwei und sechs mit der Känguru-Trilogie, sag’ ich. Gesamtauflage mehr als eine halbe Million Hörbücher beziehungsweise Downloads. Und Ullstein meldet nach vierzig Auflagen 780 000 verkaufte Taschenbücher. Wahnsinn.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Millionen können irren, aber diesmal haben die Fans vollkommen recht - der Mann ist ein Ereignis. Er hat nicht nur das Kunststück zustande gebracht, Bücher für fast alles Lebensalter (Mittelstufe aufwärts) zu schreiben, er trägt sie auch so umwerfend vor, dass sich seine Geschichten von einem „Kleinkünstler mit Migränehintergrund“ names Marc-Uwe Kling und dessen sprechendem Känguru zu vertrauten Stimmen verwandeln, die man nicht mehr missen will. Vor allem nicht, wenn man sie gehört hat, das unvergleichlich größere Vergnügen gegenüber der Lektüre.

          Anti-Terror-Anschläge

          Denn die Combo aus Berlin-Kreuzberg ist zauberhaft skurril. Kling und das kommunistische Känguru sind auch im dritten Band ein unwiderstehliches Duo. Sie jagen den „kosmischen Antagonisten“ des Kängurus, den kapitalistischen Weltverschwörer – den Pinguin. Das Känguru verspeist noch immer Schnapspralinen, ist politisch maximal unkorrekt und schreibt an seinem Hauptwerk „Opportunismus und Repression“. Auch entwickelt es permanent neue Geschäftsideen. Zusammen mit seinem Herbergsvater verübt es Anti-Terror-Anschläge im Namen des Asozialen Netzwerks; und diesmal reisen die beiden um die ganze Welt, um den flugunfähigen Vogel zu stellen.

          Kling ist seit 2006 ein Star der Poetry-Slam-Szene und zweimaliger Champion, er stammt aus dem Schwabenland und ist immer noch erst Anfang dreißig. Von seiner Person macht er kein Aufhebens, Interviews sind spärlich. Er ist das jüngste von vier Kindern, die Eltern waren in der Speditionsbranche tätig. Zum Studium ging Kling nach Berlin, Philosophie brach er ab, wechselte zu Politik und Geschichte, brach ab, kehrte wieder zur Philosophie zurück, um aufs Neue abzubrechen. Philosophie zweimal abgebrochen zu haben, darauf legt er Wert.

          Die Egozentrik des Beuteltiers

          Hängengeblieben sind offenkundig jede Menge Kenntnisse über Philosophie, Literatur, Musik, Film, die Kling hemmungslos plündert, um die seinem überwiegend jungen Publikum zu servieren. Dazu ein Schuss Befindlichkeit der Generationen Praktikum und Y, deren Befindlichkeiten er so treffend ironisiert, dass die Betroffenen lautstark über sich selbst lachen - wie die Aufnahme aus dem Berliner Mehringhof-Theater beweist. Von alten Zöpfen hält Kling nicht viel, aber von jungen FDPlern auch nicht. Er mache immer die gleichen Fehler, „wie ein SPD-Stammwähler“, räumt Kling ein, und genau das kann man seinen kunstvoll verwobenen, lange Motivketten kultivierenden Dialogen nicht nachsagen.

          Der Fortgang der Erzählung ist in ein schier unüberschaubares Panoptikum verwoben, in dem Szene-Berlin und Neonazis, Fastfood-Ketten und Vegetarier, Popmusik und Gesellschaftskritik, die Bibel und Karl Marx Platz finden. Eine Spezialität des Hauses Kling sind Hunderte von teils erfundenen, teils echten Zitaten mit falscher Quellenangabe, zum Beispiel so „,Wenn Wahlen etwas ändern würden, dann wären sie verboten.‘ Wladdimir Putin.“ Vorgetragen mit der meist sanften Stimme des Erzählers und dem quengligen Nölen des besserwisserischen und egozentrischen Beuteltiers. Das wechselt beständig seine Verkleidung, ist argumentativ voll auf der Höhe, setzt zur Not Gewalt ein und gestattet sich nur eine kleine Schwäche - es liest Fantasy und verehrt den Erfolgsautor Wenzel R.R. Skowronek, der den siebenbändigen Bestseller „Die Wunderhure“ geschrieben hat.

          Postmodern über die Postmoderne

          Ein Höhepunkt der „Känguru-Offenbarung“ ist die Verleihung des fiktiven „Deutschen Buchpreises der Ullstein Buchverlage“ (Klings Hausverlag), bei dem er - als eines von zwei Büchern - wieder in der Kategorie „Buch mit sprechendem Tier“ nominiert ist. Leider hat er den seinerzeit undotierten Preis beim ersten Mal abgelehnt, nun, da er mit 10 000 Euro aufgewertet wurde, gewinnen Kinder der Tagesstätte „Sümpfe der Traurigkeit“ mit einem sprechenden Leguan. Wie Kling die treudoofe Moderatorin Julia „Muh-Muh“ Müller gibt, das ist großes Kino im Ohr, und es zeigt, dass er einer der fähigsten Stimmenimitatoren des Landes ist. Hinreißend auch seine kurzen Abstecher ins heimatlich Schwäbische, weniger überzeugend das Wienerisch, dessen sich sein Freud sehr ähnlicher Psychiater befleißigt.

          Dem Publikum ist’s egal, es folgt dem Vortragenden voller Hingabe, auch wenn es gelegentlich verräterische Applauspausen gibt, wenn Kling recht hoch ins intellektuelle Regal fasst. Macht nichts - man muss nicht alles mitbekommen. Noch ein Höhepunkt der 460 kurzweiligen Hör-Minuten: die Landung auf dem New Yorker Flughafen, nach der Kling alle Fragen der Polizei mit Refrains berühmter englischsprachiger Songs kontert.

          Neben seiner Leidenschaft für Zitate garniert Kling den Text mit einer Meta-Ebene aus Einschüben, Fußnoten, „Handlungslöchern“, Anmerkungen des Lektors angekündigten Cliffhangern - eine postmoderne Collage, welche die Postmoderne veräppelt, indem sie ihr als einzige kategorielle Unterscheidung diejenige zwischen „witzig und „nicht witzig“ zugesteht und diese gleichzeitig als „bürgerlich“ verwirft. Systemkritik, so hätte man das früher genannt. Woran sich jahrzehntelang sozialdemokratische Kabarettisten abarbeiteten, dem setzt Marc-Uwe Kling mit seiner multikulturellen Stimmensammlung aus den letzten Tagen des Konsumismus Hörner auf. Selten so gut, anhaltend und wohltuend amüsiert. Band vier ist in Vorbereitung, sag’ ich.

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