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Rezension : Kunstgenuss in Häusern, die die Welt abbilden

  • -Aktualisiert am

Aus Schlafstätten sind Laboratorien geworden: "Museen für ein neues Jahrtausend" zeigt, wo es in der Museums-Architektur hingeht.

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          Als nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Museums-Generation die öffentliche Bühne betrat, gebärdeten sich die neuen Schatzhäuser wie gebaute Diven. Sie wirkten geschraubt und ließen ihre Hüllen fallen, oder sie machten aus Altem Neues.

          In der modernen Museumsarchitektur ging es von Anfang an nicht allein um die Kunst. Frank Lloyd Wright hatte sein 1943 fertiggestelltes Guggenheim Museum in New York ursprünglich als Parkgarage in Maryland geplant: auf einer schrägen Rampe sollten Autos auf und nieder fahren. Seit Jahrzehnten schrauben sich nun Ausstellungsbesucher entlang schräger Wände über die Dächer von Manhatten. Durch Umwertung ist das Guggenheim Museum zur Inkunabel moderner Museumsbaukunst geworden. Dass es als Ausstellungshaus eigentlich kaum taugt, darüber sind sich Museumskenner längst einig. In dem Ausstellungskatalog:

          "Museen für ein neues Jahrtausend. Ideen Projekte Bauten“

          geht Vittorio Magnano Lampugniani in seinem inspirierenden Eingangsessay davon aus, dass die eigentliche Attraktion der Museumsarchitektur schon lange nicht mehr die Werke, sondern die Architektur sei. Wenn die Stars der internationalen Baumeisterszene ans Werk gehen, ist die Verpackung meist aufwendiger als ihr Inhalt es verlangt. Schaut man nach Bilbao, San Francisco oder Berlin - wo Frank O. Gehry, Mario Botta oder Daniel Liebeskind aufwendige Kunstmaschinen erstellt haben - so gerät die Eitelkeit der Erbauer ins Bild. Der Schweizer Bildhauer John Armleder sieht das als betroffener Nutzer so: "Das Museum stellt eine Ausnahme dar. Es ist abstrakt. Und genau aus dem Grund mögen wir es so sehr. Es ist ein Tempel, eine Schachtel in der wir unsere Süßigkeiten horten und lustvoll zusehen, wie sie verderben." Ob Renzo Piano und Richard Rogers, James Stirling oder Oswald Mathias Ungers, Hans Hollein oder Santiago Calatrava stets geraten Kunstwerke, die Kunstwerke aufnehmen in scharfe Konkurrenz miteinander: "Man bemüht sich, eine Sache auf den Punkt zu bringen, und dann muss man sie in einem hässlichen Museumsraum aufbauen, an dem gar nichts stimmt. Wo sind die Museen, die zu meinen Arbeiten passen?", fragt die Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch angesichts der vielen, am Ende schwierig zu bespielenden Neubauten frustriert.

          Häuser als Laboratorien neuen Denkens

          Das Museum ist längst nicht mehr der Ort, an dem Kunstwerke nur aufbewahrt und gepflegt werden. Shops und Restaurants sorgen für Konsumatmosphäre. Kunstgenuss wird teuer inszeniert. Meist gilt nur ein Drittel der umbauten Fläche seiner Präsentation. Die einen lieben den Event-Charakter und suchen sich im Museum zu amüsieren. Die anderen suchen geistigen Erkenntnisgewinn und wollen sich in Denk-Laboratorien bereichern. Schlichte Kisten, wie Zumthors Bregenzer Haus, oder Umgebautes, wie Herzog & de Meurons neue Tate Galerie in London, bieten für die Kunst zweifellos größere Entfaltungsfreiheit als parfümierte Kunsttempel, wie sie etwa die in diesem Buch übergangenen Mendini & Co. in Groningen verwirklicht haben. Unter den unvollendeten Projekten, die unter fünfundzwanzig internationalen Museen von unterschiedlichen Autoren besprochen werden, trumpfen Zaha Hadid und Tadao Ando mit unkonventionellen Ideen auf. Hadid plant seit 1998 in Cincinnati ein Haus für zeitgenössische Kunst, dessen Raumeinheiten nach oben breiter werden und deren Geschosse sich splitternd ineinander schieben. Ando setzt auf die Horizontale und staffelt gewächshausartige Baukörper in einen See hinein, um in Fort Worth eine leichte Hülle für moderne Kunststücke zu schaffen.

          In der Zukunft liegt wenig Überraschendes

          Eine interessante Projektauswahl und gut recherchierte Texte ergeben ein dichtes Gewebe, aus dem nur wenige führende Museumsbauten der Gegenwart herausfallen. Die Zukunft kommt ausführlich zu Wort, sie birgt aber wenig Überraschendes. Allein Steven Holls Vorhaben für eine Kunsthalle in Bellevue bei Washington sucht am High-Tech-Standort ein Konzept der Integration von Kunst und Architektur zu verwirklichen, die die Idee des offenen Labors verfolgt. Warum die Herausgeber in den ausführlichen Biographien der Architekten nicht auf deren Homepages hinweisen, ist nicht ganz verständlich. Dennoch ist ein mit Grundrissen und Farbfotografien großzügig ausgestatteter Reader entstanden, der sich mit Genuss wie ein Reisebuch ins Reich des Museumskosmos lesen lässt und dabei kritisch und differenziert bleibt.

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