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Rezension : Jay Ullal: Das Pathos des Augenblicks

  • -Aktualisiert am

Bild: Aufbau-Verlag

Neues Sachbuch: Zwischen großem Ausdruck und Pathos - die Reportagen des Magazin-Fotografen Jay Ullal.

          Klassische Reportage-Illustrierte haben es heute schwer, sich zu behaupten. Hefte, die optisch entweder nur den Kopf ("Spiegel") oder nur den Unterleib ("Max") ansprechen, bedrängen die generalistischen Platzhirsche.

          "Life" wurde eingestellt. Die Auflage des "Stern" ist unter die Millionengrenze gesunken. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, die Fotos genau zu betrachten, die diese Hefte in ihren Glanzstunden abdruckten, der muss zumindest unter diesem Aspekt die Krise dieser Saurier bedauern. Zeitschriften wie "Stern", "Paris Match" und "Life" etablierten Standards der Reportage-Fotografie, die dabei sind, verloren zu gehen.

          Ein Beispiel dafür sind die Bilder des gebürtigen Inders Jay Ullal. Seit 1970 arbeitet er für den "Stern". Ein Buch versammelt jetzt Ullals Bilder aus Nordkorea, Grenada, dem Libanon, Honduras, den Philippinen und, immer wieder, aus seinem Heimatland Indien.

          Die Autoren, die mit ihm unterwegs waren, erzählen, wie die Bilder entstanden sind. Der Journalist Kai Hermann etwa erinnert sich, wie er mit Ullal eine Geschichte über Straßenkinder machte. Dafür reiste das Team in den Nahen Osten und nach Indien. Ihre Erkenntnis: Nicht Mitleid sei es, was man für diese Kinder empfinde, sondern Bewunderung für ihre Tüchtigkeit im täglichen Kampf ums Überleben.

          Mitleid erregt auch das Foto nicht, das Ullal von dem Palästinenserjungen Ashraf schoss. Die Israelis nannten ihn "Hase", weil er ihnen immer entwischte. Mit Strumpfmaske über dem Kopf posiert "Hase" vor der Kamera. Martialisch hält er einen Stein empor. Kein friedlicher Junge, gewiss - a naughty boy. Doch der Text verrät, dass der Konflikt zwei Seiten hat. Ein Soldat soll dem Jungen einmal aus kurzer Distanz und absichtlich in den Unterleib geschossen haben.

          Ullals Bilder prägen sich ein: so das Foto einer orgienhaften Therapie im Ashram von Bagwhan in Poona; Willy Brandt bei der Morgenrasur; ein Kind, das durch die Giftgas-Katastrophe von Bophal für immer entstellt bleibt. Fotos wie diese können im Kopf des Betrachters schlagartig mehr verändern als tausend Zeilen Text. Ullal schafft Bilder von großer politischer Aussagekraft. Das ist ihre Stärke, aber darin liegt auch ihre Gefahr.

          Auf der Suche nach dem großen Ausdruck wird ein Fotograf leicht zum Propagandisten einer Sache. Auch Steine werfende Palästinenserkinder spannen die Medien für ihre Sache ein.

          Freimütig verrät das Buch, dass Ullal unfreiwillig zum Propagandisten des Baghwan wurde. Pathetische Fotos wie das einer jungen Frau, die nackt vor einem Wasserfall hockt, während ein jesusartiger Guru hinter ihr wacht, gingen um die Welt und trieben dem Guru Scharen von Sinnsuchern in die Arme.

          Das ist Ullal heute ebenso unangenehm, wie es ihm schmeicheln kann.

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