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Rezension : Holger Kube Ventura zeichnet ein komplexes Bild der 90er-Jahre-Kunst

  • -Aktualisiert am

Bild: Edition Selene, Wien 2002

Neues Sachbuch: Wie politisch ist die Kunst? Der Kunstwissenschaftler Holger Kube Ventura gibt interessante Antworten.

          „Kunst ist immer politisch“, „Kunst muss immer politisch sein“, „Kunst kann nie politisch sein“ - wer hat recht? Der deutsche Kunstwissenschaftler Holger Kube Ventura schlüsselt diese Axiome in seinem Buch „Politische Kunst Begriffe“ nacheinander auf und kommt zu der Schlussfolgerung: keiner.

          Denn „da sowohl Kunst als auch Politik stets undefiniert bleiben, kann 'politische Kunst' auf verallgemeinernder Ebene nicht neutral begründet, sondern nur behauptet werden. Also ist die kunsttheoretische Konstruktion ein Politikum.“ Damit eröffnet sich der Autor geschickt das Feld, in dem er die Ausgangsfrage von der künstlerischen Praxis zur Kunstbetrachtung verschiebt.

          Die Begriffe

          Kube Venturas Beobachtungszeitraum sind die 90er Jahre im deutschsprachigen Raum. Den Wechsel vom boomenden Kunstmarkt der 80er zur Re-Politisierung in den 90er Jahren markiert Ventura anhand markanter Gruppenausstellungen, die erstmals geballt kontextualistische, institutionskritische und ortsspezifische Kunstprojekte zeigten. Hier liegt auch zugleich die erste bemerkenswerte Qualität der Publikation. Denn Ventura bewältigt den Seiltanz, diese durchaus ideologisch geprägten Begriffe kritisch-theoretisch zu klären und anhand ausgewählter Projekte zu überprüfen.

          Die 90er Jahre

          Darüber hinaus fügt Ventura ein hervorragendes Kapitel über den Künstler Carsten Höller ein, das er unter den Titel „Politische Kunst als Effekt ambivalenter Rezeption“ stellt. Darin werden einige Hintergründe des Dekadenwechsels und zentrale Phänomene der 90er-Jahre-Kunst vorgestellt: Von Künstlern selbst organisierte Projekte, Art Clubs, Fanzines bis zur Dienstleistungskunst. Ventura dokumentiert jede Menge Off-Kultur-Veranstaltungen von der damals heiß diskutierten Berliner Ausstellung „trap“ (1993) bis zur „Messe 2 ok“ (Köln 1995), Christoph Schäfers Hamburger Projekt „Park Fiction“ (seit 1995), aber auch Christoph Schlingensiefs Projekt „Chance 2000“ (1998). Was in diesem Kapitel keine Erwähnung findet, ist hinten in den einzigartig-ausführlichen Registern zu künstlerischen Projekten, Gruppierungen und Publikationen aufgelistet.

          Die Probleme

          „Informationskunst“, „Interventionskunst“, „Impulskunst“ sind die Schlagworte, die hier in kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen durchleuchtet werden und im vierten Kapitel unter dem Titel „Politisch-kunstwissenschaftliche Auswertungen“ zu einem komplexen Bild der Kunst der 90er Jahre zusammenfinden. Und darin liegt dann auch die zweite herausragende Qualität des Buches. Denn Ventura drückt sich dabei keineswegs um die Problematik eines solchen Dekaden-Porträts, sondern verfolgt gerade die Brüche und Widersprüche der einzelnen Phänomene - inklusiv der problematischen Grenzverwischungen zwischen den Begriffen „künstlerisch“ und „politisch“.

          Eine andere Kunstgeschichte

          Die dritte bemerkenswerte Qualität von „Politische Kunst Begriffe“ liegt in der wissenschaftlichen Methode: „Politische Kunst Begriffe“ ist zugleich auch ein Beweis für die Notwendigkeit einer „anderen Kunstgeschichte“. Diese Disziplin ist die Konsequenz der beschriebenen Kunst und orientiert sich nicht an berühmten Namen und Einzelwerken, sondern setzt die politische Kunst in einer politischen Kunstwissenschaft fort. Und damit beantwortet Ventura denn auch die Eingangsfrage: Nicht die Kunst, sondern die Kunstrezeption kann politisch sein.

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