https://www.faz.net/-gqz-6pidr

Rezension : Hilmar Hoffmanns Reader zum Wandel der Sprachkultur

  • Aktualisiert am

Bild: Dumont

In Hilmar Hoffmanns Buch "Deutsch global" denken kluge Köpfe über die Hegemonie der englischen Sprache durch Neue Medien nach.

          2 Min.

          Anlass zu Hilmar Hoffmanns neuem Buch bei DuMont war wohl der kulturpolitische Wille, das Ansehen der deutschen Wissenschaft, den Exportartikel "Deutsche Kultur", im Schatten der Verkehrs- und Weltsprache Englisch nicht verkümmern zu lassen. Hoffmann drängt seit längerem auf möglichst viele englischsprachige Kurzfassungen von wissenschaftlichen Aufsätzen und möchte die Beiträge von Rang über das Internet verbreitet sehen.

          Kein Gran weiter reicht sein Zugeständnis für die Neuen Medien - den Transporteuren so vieler Anglizismen - als bis zu diesem zögerlichen Satz, dass in den Neuen Medien auch neue Möglichkeiten liegen. Der Reader des Präsidenten im Goethe- Institut - sein letzter geißelte das "Prinzip Guggenheim" als impertinenten Versuch amerikanischer Kulturhegemonie - gibt keine befriedigenden Antworten auf die aufgeworfenen Fragen, ob denn Versuche von Politikern, der deutschen Sprache wenigstens einen offiziellen Platz an europäischen Konferenztischen zurückzugewinnen, nur Rückzugsgefechte seien; oder welche Rolle die auswärtige Kulturpolitik gegenüber dem Terror englischer Allsprachlichkeit spielen sollte.

          Über weite Strecken ist dieser Band ein Defilée ernüchterter Geister, die ihrem Kulturskeptizismus höchst geistreich Ausdruck verschaffen. Wieder einmal hat Hoffmann seine Wahlverwandten, ehrwürdige und klingende Namen der Sprachwissenschaft, Philosophie und Medienpädagogik versammelt; nicht wenige aus seinem eigenem Jahrgang, den 20ern. Mediävist Peter Wapnewski haut schon im Titel ordentlich in die Kerbe: "Von der Not der Sprachkritik im Zeitalter der totalen Sprachschändung". Und zitiert Theodor W. Adornos Wort vom wohldosierten "Fremdwort als Arom", das die Deutschen Lüge strafen, wenn sie sich liebedienerisch den neuen Phrasen öffneten.

          Durch die ersten Zeilen des Bandes schimmert Heidegger. Unserer Sprache, unserem "Haus des Seins", so wird befürchtet, drohe der Verlust der Welthaltigkeit. Das Ergebnis: Digitale Obdachlosigkeit. Neue Medien produzierten keine wirklich neue Welt. Denn - so der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz mit zwingender Galligkeit - Sinnfragen ließen sich nun mal nicht mit noch so differenzierten Informationen beantworten. Die e-Mail - eine Killerapplikation des Netzes. Wer ihr nicht folge, versage. Das Handy - der Standby-Modus der nunmehr unkultivierten Existenz. Die Community - eine virtuelle Realität von Marken-Mediengemeinschaften. Sein Appell den kultivierten Menschen: Schone er die Differenzen!

          Der Sprachwissenschaftler Helmut Glück sagt es denn endlich: "Den Amerikanern und den Engländern ist es völlig gleichgültig, wie viel Englisch die Deutschen in ihre Sprache importieren. Inzwischen hat sich ein Anglo-Deutsch entwickelt, das ihnen unverständlich ist; die deutsche Aussprache von job nimmt britisches Ohr als chop 'Kotelet' wahr."

          Für die Lehrer unter den Lesern: Im dritten Kapitel geht es nur noch um Neue Medien und Sprachenlernen - nicht um die Sprache Deutsch und deren Insignien. Ebenso gut könnte man vom Telelearning des Französischen sprechen. Es werden verschiedene Projekte vorgestellt, z.B. der Einsatz des Internet im DaF-Unterricht und das im Juni 1998 abgeschlossene "LernNetz Deutsch". Johannes Jänen kommt zu dem Schluss, dass "reiner" internetgestützter DaF-Unterricht bei gänzlichem Verzicht auf traditionelle Lehrbucharbeit durchaus möglich sei. Immerhin, die Praktiker erkennen den Wert des Web.

          Die Anglisierung unseres Wortschatzes ist eine Alltagserfahrung und macht kaum noch staunen, schon gar nicht grundbitter. Zwar werden empfindsame Muttersprachler wohl Zeit ihres Lebens zusammenzucken, wenn ihnen ein Mensch von Welt vorhält, dass nun die soft skills das issue wären, doch haben sie nachgerade genügend Stoff, um sich ereifernd abzugrenzen. Und dies verbindet, schafft Identität und somit Kultur.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Französische Fischerboote vor der Küste von Jersey am Donnerstagmorgen

          Brexit-Streit vor Jersey : Wenn Paris und London Kriegsschiffe entsenden

          Die Regierungen rufen nach einer gütlichen Einigung, üben sich aber in militärischen Drohgebärden. Ein französischer Fischer will es wissen: „Wir sind bereit, die Schlacht von Trafalgar noch einmal zu führen.“
          Auf diesem Areal soll der neue Wiesbadener Stadtteil Ostfeld entstehen.

          Neuer Wiesbadener Stadtteil : Ausnahme für das Ostfeld

          Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden könnte einen neuen Stadtteil bekommen. Auf dem Ostfeld wäre Platz für Wohnungen für bis zu 12.000 Menschen. Ob Wiesbaden-Ostfeld jemals entsteht, hängt von der Bauleitplanung ab.
          Redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Der frühere Nationaltorhüter Jens Lehmann.

          Rassismus und Moral : Lehmann und Aogo

          Erst fliegt Jens Lehmann eine rassistische Nachricht um die Ohren, dann setzt es bei Dennis Aogo aus. Das sorgt für eine Kaskade der Aufregung. Was steht an deren Ende?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.