https://www.faz.net/-gqz-2g3m

Rezension : Grüße vom Mars

  • -Aktualisiert am

          Die folgende Rezension wurde zuerst am 16. Oktober 1999 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht:

          Wer je im Dämmer der heraufziehenden Nacht in seinem Bett gelegen, sich die Decke bis zu den Ohren hinaufgezogen und, sich zum Fenster herumdrehend, die Zeit in seinem Mund wie einen Bonbon hin und her gewendet hat, der hat auch eine Vorstellung davon, wie es dem Schriftsteller Thomas Hettche erging, als er in Venedig in seinem klammen Bettzeug lag und an der Zeit lutschte. Thomas Hettche war spät am Abend in Venedig angekommen, hatte sich prompt auf dem Weg vom Bahnhof zu seinem Quartier verirrt und war dann schließlich auf den Campo San Pantalon geraten. „Das Wasser, dunkel und seifig glatt, leckte dort über die oberste Stufe der kleinen Treppe neben der Brücke ..."

          Wenn Thomas Hettche seine Eindrücke, seine Erfahrungen und seine Erlebnisse wiedergeben möchte, egal nun, ob sie wirklich sind, oder er seinen Vorstellungen nachhängt, dann schreibt er ganz so, als würde er mit einem Fuß in einem früheren Jahrhundert stehen, wo die Wörter vor allem Wirkungen und Stimmungen entfalten sollten. Ein anderer Satz dieser Kategorie geht so: „Und während wir dann auf dem Vaporetto im kalten Wind standen, sah ich im Traum der Nacht zu, die aus den Senken ihres Gesichts aufstieg und sie meinem Blick langsam entzog.“

          Nur eine Seite nach der Schilderung der Ankunft in Venedig aber, kaum ist die erste Begegnung mit der Stadt und dem Wasser beschrieben, ist dann schon von der blinkenden, tönenden und sprachlosen Bilderwelt die Rede, „die einmal Natur hieß und die nun wuchernd wiedererscheint in Form der neuronalen, namenlosen Datennetze, in denen das Selbstgespräch dieses Planeten längst stattfindet“. Man wisse nicht mehr, so klagt der Schriftsteller, wie das heißt, was man tue, weil es keine Wörter mehr dafür gebe, und er fragt sich, ob in dieser Welt, in der die Dinge wieder keinen Namen haben werden, jemand erneut zu sprechen beginnen werde. „Ich stelle mir vor, wie die Literatur noch einmal mit derselben Geste, mit der sie einst - immun gegen das Verstummen - der tönenden Bilderwelt der Natur entgegentrat, für jedes Hologramm und jeden simulierten Raum ein Wort finden wird, das deren Geheimnis bannt.“ Auch diese Sätze sind ganz auf Stimmung und Wirkung hin angelegt, greifen den Ton auf, im dem am Anfang vom leckenden Wasser die Rede war.

          So geht es durch das ganze Buch. In Anekdoten und sogenannten Analysen wird hier von den privaten und wissenschaftlichen Blicken auf und in den Körper erzählt und von den sich an den Körper schmiegenden Worten und Bildern, die den Augen-Blick, die Unmittelbarkeit des Sehens und des Begehrens, aufschieben, ja sich regelrecht zwischen den Betrachter und sein Objekt schieben und die eigene Erfahrung des Körpers hinter die Erfahrung der Darstellungen des Körpers drängen. So wie ja zum Beispiel das Wissen von der Körperwelt, die von der Haut umschlossen wird, durch die anatomischen Illustrationen bestimmt ist.

          Weitere Themen

          Eine Familie unter Destruktionsgebot

          Andreas Maiers „Die Familie“ : Eine Familie unter Destruktionsgebot

          „Die Familie“ ist einer von elf Teilen, die der autobiographische Romanzyklus von Andreas Maier umfassen soll. Darin kommt er noch einmal zum Ursprung zurück, puzzelt sich seine Herkunft zusammen und bringt alles ins Rutschen.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.