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Rezension : Gottes Sirenengesang

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Hörprobe: Ausschnitt aus der ersten Sure, gelesen von Ali Taha und Stefan Kurt Bild: Hoffmann und Campe Verlag

Der Koran ist kein Buch zum stillen Lesen. Er ist das Hörbuch schlechthin. Das arabische Wort qur'an bedeutet "Vortrag" oder "Rezitation". Denn nach muslimischem Glauben entspringt der Koran dem Vortrag der göttlichen Offenbarung durch den Engel Gabriel an den Propheten Mohammed und dem öffentlichen mündlichen Vortrag der empfangenen Offenbarung durch den Propheten.

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          Der Koran ist kein Buch zum stillen Lesen. Er ist das Hörbuch schlechthin. Das arabische Wort qur'an bedeutet "Vortrag" oder "Rezitation". Denn nach muslimischem Glauben entspringt der Koran dem Vortrag der göttlichen Offenbarung durch den Engel Gabriel an den Propheten Mohammed und dem öffentlichen mündlichen Vortrag der empfangenen Offenbarung durch den Propheten - dieser arabische Vortrag, mündlich überliefert und auswendig gelernt, dann verschriftlicht und unter Mohammeds drittem Nachfolger 'Utman in einer verbindlichen Textform fixiert, wird je neu rezitiert. Den meisten Gläubigen ist der Koran mehr noch als durch Lektüre durch das Hören vertraut. Kantillationen, sprechgesanghafte Rezitationen von "Suren", den Kapiteln des Korans, sind in der Moschee beim Freitagsgebet und besonders im Fastenmonat Ramadan, aber auch in fast allen arabischen Fernseh- und Radioprogrammen zu hören.

          Jetzt ist ein Hörbuch erschienen, das eine Auswahl von Texten aus dem Koran in arabischer und deutscher Sprache enthält. Herausgeberin ist die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth. Die arabischen Passagen liest der in Deutschland lebende Ali Taha, der im Alter von dreizehn Jahren begann, die Kunst der Koran-Rezitation zu erlernen. Seine Aussprache kommt dem Hocharabischen sehr nahe, der Dialekt seiner nordjordanischen Heimat klingt charmant durch. Auch wer kaum oder kein Arabisch spricht und an orientalische Harmonien nicht gewöhnt ist, wird Ali Taha gerne lauschen. Es gibt zwei idealtypische Stilarten der Rezitation: eine nüchterne, vor allem der Klarheit dienende (murattal) und eine für den öffentlichen Gebrauch vor Zuhörern bei feierlichen Anlässen bestimmte, die Verzierungen kennt und Pathos entfaltet (mudjawwad). Ali Taha nähert sich dem zweiten Typus, aber maßvoll, variantenreich und nicht gekünstelt.

          Die deutschen Übersetzungen spricht unprätentiös und routiniert der Schauspieler Stefan Kurt. Bald trägt er einzelne Verse vor, denen sogleich das arabische Original folgt, bald liest er eine ganze Sure, wobei die arabische Rezitation überblendet wird oder nur einzelne Verse daraus auf arabisch folgen, manchmal auch gar kein arabischer Vers. Leider besteht ein Ungleichgewicht zugunsten des deutschsprachigen Anteils, denn kaum einmal ist der arabische Sprecher eine ganze Sure lang ohne Unterbrechung durch deutschen Vortrag zu hören. So kann sich beim Hörer nur schwer ein Gespür für die markanteste sprachliche Eigenheit des Korans entwickeln, den auf bis zu drei Silben sich erstreckenden Endreim. Anders als die altarabische Poesie ist der Koranvers nicht metrisch gegliedert, doch Reim und Assonanz machen den Koran zur Poesie. Die frühen Suren mit ihren kurzen Versen haben einen schnellen Rhythmus, dem Ali Tahas expressive Rezitation entspricht. In den jüngeren Suren mit ihren oft längeren Versen gliedern zudem bestimmte Reimsätze den Text, indem sie theologisch kommentieren, was zuvor gesagt wurde. Solche "Klauselverse" könnten auf einen ursprünglichen Vortrag mit verteilten Rollen hinweisen, vergleichbar dem Responsorium der Christen.

          Ein großes Verdienst dieses Hörbuches ist es, auch den westlichen Hörer ein wenig vom zauberhaften Stil und Wohlklang des Korans erahnen zu lassen. Der Islam spricht von der Unnachahmlichkeit dieses heiligen Buches, die als Beweis seiner göttlichen Herkunft gilt und jedem Versuch einer Übersetzung in andere Sprachen entgegensteht. Es ist eine plausible Entscheidung der Herausgeberin, für die deutsche Rezitation nicht die wissenschaftlich exakteste, sondern die poetisch überzeugendste Übersetzung zu verwenden, diejenige des fränkischen Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert. Hartmut Bobzin hat sie 1995 über hundertfünfzig Jahre nach ihrer Niederschrift erstmals in einer zuverlässigen Edition veröffentlicht. Gerade weil sie Patina angesetzt hat, weil in ihr die Sprache Luthers und Goethes fortlebt und weil sie die Reime nachahmt, vermittelt sie einen entfernt ähnlichen Eindruck, wie ihn heutige Muslime beim originalen arabischen Text empfinden mögen.

          Das Hörbuch beginnt mit dem Ruf des Muezzins, setzt mit der ersten Sure ein ("Im Namen Gottes des allbarmherzigen Erbarmers") und endet mit der letzten, der hundertvierzehnten, Dämonen abwendenden Sure. Dazwischen wird nicht die numerische, dem Prinzip abnehmender Länge folgende Surenordnung eingehalten, sondern grob die vermutliche chronologische Reihenfolge. So stehen am Anfang die poetischen kurzen Texte aus Mohammeds Zeit in Mekka. Dort soll er im Jahre 610 seine Berufung erfahren haben. Viele dieser Suren begegnen im täglichen Gebet der Gläubigen. Im Hörbuch folgen Abschnitte, die sich auf die biblischen Empfänger von Gottesoffenbarungen beziehen, auf Abraham, Moses und Jesus. Den Abschluß bilden Gesetzgebungen, geschichtliche und theologische Verse aus der Zeit, nachdem Mohammed 622 in das spätere Medina ausgewandert war.

          Man darf den Koran nicht in der Erwartung anhören, ihn ähnlich rasch wie Teile der Bibel verstehen zu können. Rückerts Übersetzung trägt, zumal beim bloßen Hören, sogar noch zur schwereren Verständlichkeit bei, ja ein in Deutschland lebender Muslim, der nicht in der klassischen deutschen Literatur zu Hause ist, wird an Rückerts Deutsch scheitern. Dazu kommt, daß Stefan Kurt nicht immer sinngemäß betont - wenn es in der achtzigsten Sure heißt: "Doch er tut nie, wozu er ruft ihn", dann hebt Kurt nicht hervor, daß das erste "er" den Menschen, das zweite Gott meint. In solchen Zehntelsekunden des Nichtverstehens geht dem Hörer leicht der Zusammenhang verloren. Aber vielleicht kommt es darauf gar nicht in erster Linie an: Wenn die Bibel des Alten Testaments von der Wahrheit Gottes und das Neue Testament von der Güte Gottes handelt, dann der Koran von der Schönheit Gottes.

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