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Rezension : Ein Leitartikel, der nicht enden will

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Bild: Siedler

In dem Buch „Republik ohne Mitte“ nimmt Richard Herzinger als Großtheoretiker Anlauf und landet als Leitartikler.

          Wer fragt sich nicht angesichts der Fülle an Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse, ob nicht das ein oder andere Buch überflüssig sei. Es gibt solche überflüssigen, ja ärgerlichen Bücher, und hier ist eines davon: Richard Herzingers „Republik ohne Mitte“.

          Der Autor, der für die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, hat sich eine große Analyse der geistigen Strömungen in der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung vorgenommen. Seine These lautet: In den modernen, pluralistischen Gesellschaften brechen die Werteorientierungen zusammen, Gewissheiten verschwinden. Statt endzeitlicher Beglückungsideologien, die Sicherheiten liefern, garantiert die offenen Gesellschaft Freiräume des Diskurses, die keinen positiven Konsens über das Richtige herstellen. Sie schützen lediglich Einzelne und Minderheiten vor dem Zugriff des Staates.

          Am klarsten auf den Innenseiten des Schutzumschlages

          Diese These ist weder neu noch sonderlich originell. Ebenso wenig ist es die Schlussfolgerung, die leider nirgendwo im Buch so deutlich formuliert wird wie auf dem Schutzumschlag. „Ein von der Illusion eindeutiger Lösungen befreites Denken“, so fasst der Text Herzinger zusammen, „wird eher in der Lage sein, tragfähige Übereinstimmungen für zunehmend individualisierte Gesellschaften hervorzubringen.“ Diese Erkenntnis reicht nicht über das hinaus, was Karl Popper schon 1944 in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ postuliert und mit der Forderung nach „piecemeal social engineering“ und einem aus Versuch und Irrtum sich entwickelnden Fortschritt verbunden hat.

          Sein Text findet keine Mitte, weil der Autor nicht in der Lage ist, seine Argumente ruhig aufzubauen und sie auf seine These hin auszurichten. Ständig wirft sich ihm ein frischer Eindruck, eine neue Tagesaktualität in den Weg. So glaubt der Leser, einen nicht enden wollenden, immer neu ansetzenden Leitartikel zu lesen. Man gewinnt den Eindruck, Herzinger habe sich jeden morgen frisch an den Schreibtisch gesetzt und in sein Buch hineingepackt, was ihm gerade in die Hände fiel und seine Aufmerksamkeit erregte.

          Mal sind das parteipolitische Querelen bei den Grünen, mal eine Quizshow auf Sat.1, mal ein Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nirgendwo wird gewichtet, nirgendwo die Tagespolitik von den großen Entwicklungslinien getrennt, nirgendwo das Einzelne in den Zusammenhang der zu Beginn formulierten These gestellt. Wo sorgfältiges Wägen des Pro und Kontra notwendig wäre, zieht es Herzinger vor, abzuwatschen.

          Ärger über den abgestandenen Inhalt

          Hinter der bioethischen Debatte um Präimplementationsdiagnostik wähnt er eine Kampagne Wertkonservativer, die nicht verwinden können, dass die alten Sicherheiten verloren gegangen sind. Doch von der Debatte hat Herzinger offenbar nicht mehr mitbekommen, als eine Handvoll Politikeräußerungen und einen Artikel von Frank Schirrmacher. Dies ermöglicht ihm, nach nicht einmal zwei Dutzend Seiten die Klappe mit einem rüden Urteil zu schließen, dass von Anzweifelungen frei ist.

          Fast möchte man denken, Herzinger selbst leide nicht minder unter dem Verlust weltanschaulicher Sicherheiten. Von den Tagesaktualitäten hin und hergeworfen, wirkt Herzingers Buch bereits wenige Wochen nach seinem Erscheinen alt und abgestanden wie eine Ausgabe der „Zeit“ von vorletzter Woche, wie ein hinterhergerufenes „Das wollte ich schon immer einmal gesagt haben!“ Dem Autor mögen solche ranzig gewordenen Leitartikel in Buchform Befriedigung verschaffen - der Leser hingegen ärgert sich, im Buchladen nagelneues Altpapier gekauft zu haben.

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