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Rezension : Die Pracht der Nacht

  • -Aktualisiert am

          Die folgende Rezension wurde zuerst am 11. April 1995 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht:

          Einer der schönsten Sätze des Romans findet sich auf der elften Seite: "Als ich starb, wechselte ein Hund über die Grenze." Schlicht und sinnig und alles andere als schlußendlich.

          Daß es immer schwieriger wird, "Ich" sagen zu können, wissen wir spätestens seit Freud - daß es trotz allem notwendig ist, lehrt das Leben in schmerzhaften Lektionen täglich aufs neue. Das "Ich" ist ein grammatikalisch unvermeidbares Konstrukt, vom einfachsten Satzgefüge dem Dummen, der nicht weiß, wer er ist, genauso abgenötigt wie dem Zweifler, der nicht weiß, was er will. Und seit Thomas Hettche auch den Toten. Das Ich nur als Resultat des Sprechens zu sehen, als Anhängsel des Textes statt als Subjekt der Geschichte gehört zum weltanschaulichen Fundus der Postmoderne. Auch Thomas Hettche, der soeben seinen zweiten Roman vorlegt, hat sich intensiv mit der Bezweiflung des Subjekts befaßt.

          In seinem 1992 erschienenen Prosaband "Inkubation" versammelte er Erzählungen, die wie ein generatives System die eigentliche Geschichte erst produzieren - fernab vom Erzähler und souverän kokettierend mit den Grenzen der Erzählbarkeit der Welt. Jetzt läßt er - umgekehrt - das Ich auch dann noch erzählen, wenn es längst tot ist.

          Was sich wie eine Metapher auf das Ende des Subjekts liest, ist in Hettches Roman "Nox" blutiger Ernst geworden: Ein junger Schriftsteller wird ermordet, erzählt aber ungerührt weiter, während sein Körper allmählich in Verwesung übergeht. Die "Ich-Form" triumphiert über das leibliche Ende, über des Körpers Wohl und Wehe, über die Realität, indem es sie ins Auge faßt. Denn ignoriert wird des Körpers Geschichte beileibe nicht, im Gegenteil: Die genaue Notierung der körperlichen Veränderungen vom finalen Kollabieren über das Absinken der Körpertemperatur, die Verfärbungen verschiedener Hautpartien, das Eintrocknen der Augäpfel bis zur Aufnahme der ersten Fliegen - das hat medizinisch-literarische Raffinesse und straft den Aberglauben Lügen, der da annimmt, mit dem Tode sei das Ende erreicht. Mitnichten, nur merkt man normalerweise nichts mehr davon, es sei denn, man ist Schriftsteller und ahnt, welches Monstrum die Sprache mit dem "Ich" zur Verfügung stellt.

          Man schreibt den 9. November 1989 in Berlin. Der junge Dichter ist nach einer Lesung umgebracht worden. Auch die Täterin ist jung, trägt eine schwarze Lederjacke und läßt sich nach der Tat durch die Stadt treiben. In derselben Nacht fällt die Mauer zwischen Ost- und Westhälfte der Stadt, und in der Logik von Hettches "Nox" birst zugleich die Grenze zwischen Vernunft und Traum, zwischen Leben und Tod. Jener Hund, der die Grenze wechselt, "als ich starb", ein Wachhund, der den Dienst bei den DDR-Grenztruppen quittiert und hinübermacht in den Westen Berlins, hat mythische Statur: ein Zerberus, der den sterbenden Dichter hinabgeleitet in den Hades des sich taumelnd wiedervereinigenden Berlins. Der brave Wachhund heftet sich an die Fersen der rätselhaften Mörderin; an seiner Statt darf er sich der Schlafenden zu Füßen legen und kurz vor dem Einschlafen sehr symbolisch sein bleistiftkurzes Hundeglied lecken. Er folgt ihr durch ein vom Mauerfall wie entzündetes Berlin, durch eine ewige urbane Nacht, die von Verstörten und Enthemmten, von Sadisten und Masochisten, von zwanghaftem Sex und triebhafter Einsamkeit nur so wimmelt.

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