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Rezension : Die Bio-Terrorbüchse der Pandora

  • -Aktualisiert am

Bild: Simon & Schuster

"Germs", das aufsehenerregende Buch dreier amerikanischer Autoren über die bioterroristische Bedrohung.

          Kommt alles noch viel schlimmer, sind die Milzbrandfälle in den Vereinigten Staaten nur der Anfang einer Welle des Bioterrorismus'? In verrottenden Laboren Russlands und anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion existieren noch Biowaffen, deren Wirkungen ungleich verheerender sind als die von Milzbrand-Erregern.

          Niemand weiß, welche „Schurkenstaaten“ sich bereits Zugriff auf diese tödlichen Krankheitserreger gesichert haben, und wo die vielen Tausend Wissenschaftler untergekommen sind, die in der Sowjetunion Forschungserfolge mit hocheffizienten multiplen Biowaffen erzielt haben. Judith Miller, Stephen Engelberg und William Broad, drei Journalisten der „New York Times“, haben in dem Buch „Germs - Biological Weapons and America's Secret War“ Fakten recherchiert, die den Lesern nächtliche Albträume verschaffen könnten.

          Mitte September 1984 klagten in dem Ort The Dalles im US-Bundesstaat Oregon mehrere Menschen über heftige Magenschmerzen und andere Krankheitssymptome. Alle Betroffenen hatten vor ihrer Erkrankung in örtlichen Restaurants gegessen. Wenige Tage nach der auffälligen Häufung dieser Krankheitsfälle stellten die örtlichen Labors fest, dass die Patienten unter einer Salmonellenvergiftung litten.

          Der Salmonellen-Anschlag von Oregon

          Zunächst vermutete man, dass es sich um einen der üblichen Fälle von Lebensmittelvergiftung handelte, die immer wieder, oft aufgrund von mangelhafter Hygiene, in Restaurants und Kantinen auftreten. Erst die Ermittlungen des FBI brachten an den Tag: Die Kranken in The Dalles waren Opfer eines Bio-Attentates der Baghwan-Sekte Rafjneeshee geworden, die sich ganz in der Nähe der Stadt niedergelassen hatte.

          Der Fall in Oregon, so schreiben die drei Autoren in ihrem Buch, ist der erste Terrorakt, der in den USA mit biologischen Kampfstoffen durchgeführt wurde. Die Folgen waren vergleichsweise harmlos, aber sie offenbarten die Verwundbarkeit des Landes durch Bioterrorismus, zumal die Gesundheitsbehörden die Gefährdung zunächst gar nicht erkannten.

          Pocken gefährlicher als Milzbrand

          Dabei sind Salmonellen noch eine recht harmlose Biowaffe. Zu den wirklich gefährlichen Krankheitserreger zählen Milzbrand, Pocken, Pest, das Marburg-Virus (ein hämorraghisches Fieber, ähnlich Ebola) und Botulinum, ein Nervengift. Auch hier ist die Gefährlichkeit unterschiedlich: Ein Anschlag mit Milzbrand-Erregern ist gut unter Kontrolle zu bringen, da die Krankheit nicht ansteckend ist und dadurch die Anzahl der Opfer überschaubar bleibt.

          Pocken hingegen können ebenso wie Pest-Erreger von Mensch zu Mensch übertragen werden, zum Teil durch die Luft. Die Autoren haben recherchiert, dass diese Biowaffen in großen Mengen in sowjetischen Labors erzeugt worden sind. Dort erzielte man auch Erfolge bei der Suche nach geeigneten Trägersubstanzen, mit denen die Erreger verbreitet werden können. Erst sie machen Viren und Bakterien zu Waffen.

          Es mag den Leser in der gegenwärtigen Situation etwas beruhigen, dass zwar Milzbrand-Bakterien von jedem mittelmäßigen Biologen erzeugt werden können, Pocken hingegen eines hochtechnisierten Labors bedürfen, über das Terroristen vermutlich nicht verfügen. Staaten hingegen schon. Miller, Engelberg und Broad schildern, wie UN-Inspektoren im Irak an der Nase herumgeführt wurden. Alles deutet darauf hin, dass Saddam Hussein in geheimen Labors zahlreiche Biowaffen beherbergt. Für die militärische und politische Führung der Vereinigten Staaten im Golf-Krieg war die Gefahr eines Biowaffen-Angriffs so real, dass sie - zum Teil heimlich - die Kampftruppen am Golf gegen verschiedene Bio-Kampfstoffe impften.

          Zivilschutz überfordert

          Amerika selbst produzierte Bio-Waffen nach Darstellung der Autoren bis in die 60er Jahre. Danach wollen die Vereinigten Staaten selbst sich an internationale Abkommen gehalten haben und in der Folge nur noch Impfstoffe entwickelt haben.

          Interessant ist, dass es ein Roman war, der Präsident Bill Clinton die bio-terroristische Bedrohung vor Augen führte: der Thriller „The Cobra Event“ von Richard Preston. In dem Buch versucht ein Verrückter, die New Yorker mit einem tödlichen Krankheitserreger auszurotten. Clinton war von der Darstellung so beeindruckt, dass er den Bio-Krieg für die gefährlichste Bedrohung der Vereinigten Staaten hielt und glaubte, schon in den „nächsten Jahren“ werde es zu einem bioterroristischen Anschlag kommen - eine Vorhersage, die sich nun bewahrheitet.

          Mehrere Zivilschutzübungen, die daraufhin durchgeführt wurden, zeigten, dass Städte wie New York und Chicago nicht auf einen solchen Anschlag vorbereitet waren. Die Krankheit und die darauf einsetzende Panik ließen das städtische Gesundheits- und Katastrophenschutzsystem zusammenbrechen. Das Buch der drei "New York Times"-Autoren steht zu Recht auf der Beststellerliste in den Vereinigten Staaten. Es ist fundiert belegt und gleichzeitig einfach gut geschrieben.

          Ein kalter Schauer läuft dem Leser über den Rücken, wenn im letzten Kapitel die Frage erörtert wird, wie real die beschriebenen Bedrohungen durch Bioterrorismus, zum Beispiel Milzbrand-Anschläge, sind. Man wisse nicht, ob so etwas in nächster Zeit wirklich passieren könne, schreiben die Autoren in dem wenige Wochen vor dem 11. September fertiggestellten Manuskript. Nun weiß man es.

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