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Rezension : Dichter am Dichter: Thomas Hettches transparentes Netzprojekt „Null"

  • Aktualisiert am

Bild: DuMont

Thomas Hettches Mitschreibprojekt NULL ist zwar keine Netzliteratur, aber ein wichtiges Stück Literatur im Netz.

          Die Bekanntheit der 36 Beteiligten und die Schirmherrschaft des DuMont-Verlags sorgte für die Aufmerksamkeit der Medien, die bald von einem „Mammutprojekt der Netzliteratur“ (FOCUS) sprachen, das „die Netzliteratur endlich aus ihren Windeln bringt“ (BADISCHE ZEITUNG). Das waren große Worte für ein Projekt, das Beiträge (kleine Geschichten, Notizen, Kommentare zum Zeitgeschehen, Zeichnungen, Gedichte) in der Reihenfolge ihres Eintreffens (zumeist als Email oder auf Diskette, mitunter aber auch als Fax oder gar handgeschriebene Postkarte) in HTML-Format brachte und ins Netz stellte. Die sternbildförmige Sitemap, die alle Beiträge nach Themekreisen (Aufräumen, Krieg, Sommer, Herbstnotate, Endlos, Nullung?) sortierte und verlinkte (Bild 1 und Bild 2), war wohl das Netzigste am Projekt, und zwar um so netziger, je weiter das Jahr voranschritt und das Netz an Beiträgen wuchs. Kritische Berichterstatter merkten den Schwindel freilich bald. Sie monierten, dass die Autoren an den Möglichkeiten des Mediums vorbei nur aktuelles Rohmaterial und Restposten zusammentragen und Banales durch die Aura des Unmittelbaren adeln.

          Konterrevolution

          Hettche war auf solche Einwände vorbereitet, kamen sie doch auch aus den eigenen Reihen. Er räumt ein, dass die Beiträge sich nicht so beeinflussten, wie er es sich vorgestellt hatte. Trotzdem sei NULL ein neues, wegweisenden Öffentlichkeitsmodell. Und in der Tat, die Transparenz des Produktionsprozesses (man wird z.B. Zeuge der Autor-Herausgeber-Korrespondenz) kennzeichnet NULL in hohem Maße: Nie zuvor waren die Leser so dicht am Dichter, formulierte es der SPIEGEL. Der „Fama von der experimentellen Netz-Literatur, die möglichst multimedial und interaktiv zu sein habe“, begegnet Hettche mit dem Bekenntnis zum unhintergehbaren geradliniegen Erzählen und mit Harald Taglinger, der das Ende der Revolution ausruft: „NULL ist die Abkehr vom Glauben an das Internet“ - „Die Einsicht, daß es einer Online-Avantgarde nicht bedarf.“ Ganz in diesem Sinne deklariert Hettche schließlich: „Die Zeit der Experimente, der Link-Sammlungen und Selbstverlage im Netz ist vorüber. Vielmehr führt es vor, wie sehr die Veränderungen der Arbeitstechnik eine der Öffentlichkeit ist und die der Literatur eine ihrer medialen Voraussetzungen. Davon will NULL berichten.“

          Da setzt sich NULL etwas schnell an die Spitze einer Bewegung, die es gar nicht überblickt, und widerspricht sich dabei auch noch selbst. Natürlich verändert sich die Literatur aufgrund ihrer medialen Voraussetzungen, und die ästhetischen Abenteuer, die das Netz in dieser Hinsicht parat hält, zielen idealtypisch auf das multilineare, multimediale, kooperativ erstellte Werk. Genau dazu ist NULL nun allerdings ein denkbar schlechter Auskunftsgeber. Es ist nicht das Symbol einer Generation von Autoren, „für die erstmals die Rituale des Bleistifts nicht mehr gelten“, wie Hettche es im Editorial unterstellt. All diese Texte hätten ebenso mit dem Bleistift verfasst werden können - und Jan Peter Bremers handgeschriebene „Postkarten an Thomas Hettche aus einem fernen Jahrtausend“ tragen selbst inhaltlich - „Ach, mein lieber Freund, wenn man sich richtig lieb hat, gibt es keinen größeren Reichtum als Enge“ - ganz die Intonation des Bleistifts, wenn nicht gar des Gänsekiels.

          Diskursreform

          Andererseits ist NULL durchaus Symbol einer neuen Generation von Autoren, die den Meinungsträgern des traditionellen literarischen Felds ins Reich des Digitalen entflieht und dort eigene Diskursformen etabliert. Hettche betont, dass „in der Nachfolge von NULL, dem ersten Ort jüngerer deutschsprachiger Literatur im Netz, gleich mehrere Foren von Autoren [er nennt Pool, Forum der Dreizehn] entstanden sind“, und bastelt damit schon am Gründungsmythos, der da lauten wird: In der Stunde Null war NULL.

          Man muss den Kasus ändern: NULL ist nicht Literatur des Netzes, sondern traditionelle Literatur im Netz. Davon gibt es eine ganze Menge, und es gilt inzwischen auch als chic, drin zu sein. Und trotzdem oder gerade deshalb könnte NULL die Netzliteratur „aus den Windeln“ bringen. Denn nun, da das Netz als Medium von Literatur einmal ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt ist, wird man sich fragen, ob das schon alles war, ob der digitale Zustand des Wortes nicht mehr Möglichkeiten eröffnet, als hier gesehen. Das könnte jenen zugute kommen, die schon seit Jahren nicht mehr wissen, wie so ein Bleistift in der Hand liegt.

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