https://www.faz.net/-gqz-nkvg

Rezension : Der letzte Schuß trifft die Autorin

Bild: Diogenes

In ihrem neuen Buch „Im Namen des Lexikons“ erzählt die 1967 geborene Amèlie Nothomb von der unseligen Allianz einer im Kern leidenden Seele und einer fehlgeleiteten Pflegemutter.

          3 Min.

          Amèlie Nothomb ist in ihrer Jugend ziemlich herumgekommen. Sie wurde 1967 im japanischen Kobe geboren, wuchs als Kind eines belgischen Diplomaten unter Nippons Töchtern und Söhnen sowie in China auf. Und sie braucht jeden Tag Sex, wie sie einmal in einem Interview ausplauderte.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Soviel wußten Leser bisher von ihr. In ihrem neuen Buch „Im Namen des Lexikons“ läßt die Schriftstellerin ihr Publikum wissen, nicht gerne ihr Gesicht zu sehen und sich auch nicht schön zu finden: „Der Verfasserin dieser Zeilen hat es niemals Freude gemacht, sich im Spiegel zu sehen, doch wäre diese Gabe ihr zuteil geworden, hätte sie sich das unschuldige Vergnügen nicht im mindesten mißgönnt.“

          Diese Einlassung, wie verwunderlich sie auch erscheinen mag, ist ein Fremdkörper in dem Buch. Denn es handelt sich bei diesem Werk nicht um eine Biographie, sondern um einen Roman. Allerdings um einen recht verrückten, weshalb der ungewöhnliche Exkurs der Autorin fast schon wieder passend erscheint.

          Fötus mit Schluckauf

          Im Mittelpunkt des Romans steht ein Mädchen, dessen Dasein man lieber nicht erleben möchte. Die angehende Mutter, Lucette, erschießt den Kindsvater, weil der für den gemeinsamen Sproß einige mögliche Namen ausgesucht hat, die ihr mißfallen. Ihr Kind muß einen besonderen Namen tragen, nicht irgendeinen bürgerlichen, denn das in ihrem Bauch Heranwachsende muß etwas Besonderes sein, schließlich hat es ja eines Nachts schon Schluckauf gehabt. Und welcher Fötus kann das schon von sich behaupten, fragt sich Lucette.

          Nach dem Mord schenkt sie ihrem Kind im Gefängnis das Leben, nennt es Plectrude („Das bietet Schutz. Die Endung klingt wie der Aufprall auf einem Schild“) - und bringt sich um. Plecture, ein mageres Mädchen mit großen, zum Geliebtwerden auffordenden Augen, kommt zu Lucettes Schwester Clémence. Die Tante und Pflegemutter liebt Plectrude weniger, als daß sie ihr mit Ehrfurcht begegnet, und macht sie zu ihrer Privatprinzessin.

          Abseits der Norm

          Völlig egal, wie absonderlich sich die Kleine verhält - Clémence wehrt alle Zweifel ab. Das abseits der Norm liegende Verhalten interpretiert sie als genial. Und vor allem projiziert sie eigene Wünsche in die Kleine. Das kennt man ja von Vätern, die mit zwei linken Füßen und Zigarette in der Hand an der Außenlinie stehen und in ihrem mittelprächtig begabten Sohn den künftigen Nationalstürmer sehen - aber ihn entsprechend tadeln, wenn er mal wieder nicht getroffen hat.

          In Plectrude sieht Clémence eine geborene Ballettänzerin. Tatsächlich findet das Mädchen viel Gefallen am Ballett, wird in eine Schule aufgenommen, erträgt die an Schleiferei grenzende Strenge der Lehrer - weil sie das Tanzen so liebt. Sie tanzt, um es den Lehrern zu zeigen: Übungen als Machtmittel in der Ohnmacht. Sie nimmt ab, zuerst, um dem Ideal - dünn und bitteschön ohne knospende Brüste - gerecht zu werden. Dann aber merkt Plectrude, daß mit jedem Kilo die Fähigkeit zu fühlen verloren geht. Bis sie innerlich ertaubt - und den Schmerz, von einem Jungen, für den die verkappt Pubertierende schwärmt, mißachtet zu werden, nicht mehr spürt. Sie lebt bald im Körper einer Magersüchtigen und merkt es nicht. Und Clémence bestärkt sie darin, auf dem richtigen Weg zu sein.

          Unselige Allianz

          Amélie Nothomb erzählt die Geschichte der unseligen Allianz einer im Kern leidenden Seele und einer fehlgeleiteten Pflegemutter mit einfachen Sätzen, die der Geschichte Tempo geben. Der Ton ist sachlich, so daß der Roman über weitere Strecken wie ein Bericht erscheint. Es gelingt ihr dabei gut, mit recht wenigen Worten die Charaktere zu skizzieren, und die Personen lebendig werden zu lassen sowie eine bisweilen beklemmende Atmosphäre zu schaffen. So fällt es leicht, weiterzulesen. Das Buch an einem Nachmittag zu schaffen, dürfte auch für Langsamleser nicht schwierig sein.

          Allerdings wartet die Autorin zum Abschluß mit persönlichen Einsprengseln auf, die mit der Geschichte nicht wirklich zu tun haben, dafür aber erhebliches Verwirrungspotential bergen. Nicht mit Erklärungen wie zu Beginn, sondern mit einer wilden Kurzgeschichte, in der sie selbst zuerst Freundschaft mit Plectrude schließt, sich ihre Story anhört und dann per Schuß in die Schläfe getötet wird. Der Rest ist Denksport für die Leser: „Der Mord ist mit dem Geschlechtsakt insofern vergleichbar, als sich oft dieselbe Frage daran anschließt: Was macht man mit dem Körper?“ Ob uns Amélie Nothomb das in ihrem nächsten Roman erzählt?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.