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Rezension : Der Gemeinsinn im internationalen Vergleich

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Bild: Bertelsmann Stiftung

Was hält moderne Gesellschaften zusammen? Robert D. Putnam entdeckt soziales Kapital als Investition gegen den Zerfall.

          2 Min.

          Robert D. Putnam hat etwas Prophetisches. Der Harvard-Professor für Politikwissenschaft verkündet Endzeit. Wenn es so weitergeht wie gewohnt, wird in Amerika bald die letzte Karte gespielt, der letzte Clubabend gefeiert, das letzte Nachbarschaftstreffen organisiert und die letzte Bowlingrunde gegeben werden.

          Der Weltreisende in Sachen Sozialkapital hat einen für die amerikanische Gesellschaft tödlichen Virus entdeckt: den Niedergang des Gemeinsinns.

          Sein Buch "Bowling Alone" hat sich so gut verkauft, dass der Bertelsmann Verlag Putnam bat, doch eine internationale Studie über Sozialkapital herauszugeben. Putnam war schon vor einigen Jahren mit einem Aufsehen erregenden Buch über Italien hervorgetreten. Darin versuchte er nachzuweisen, dass es dem Norden deshalb wirtschaftlich und politisch so gut ginge, weil er mehr Sozialkapital habe. Während der Süden Italiens nur die Familienbande und Mafiaverbindungen kennen würde, wäre im Norden das reiche Vereinsleben für den ökonomischen Wohlstand verantwortlich.

          Was hält moderne Gesellschaften zusammen?

          Wie steht es nun weltweit mit dem Gemeinsinn, einem Bindemittel, das als Kitt für die zerfallenden Gesellschaften dienen soll? Der Verlag hat diesen Begriff als Titel gewählt, weil er besser als die ungewohnte und technische Vokabel "Sozialkapital" das bezeichnen soll, worauf es ankommt: auf die Vertrauensbeziehungen und Netzwerke, die eine Gesellschaft vor dem Zerfall bewahren. In allen modernen Gesellschaften scheint sich der Egoismus der atomisierten Individuen durchzusetzen und den Gemeingeist zu untergraben. Konservative wie Linke fragen sich: Was hält eigentlich moderne Gesellschaften zusammen?

          Putnams Autoren aber wollen ihrem Propheten nicht so recht folgen. Auch nicht in den beiden Beiträgen, die die Lage in den Vereinigten Staaten im Grunde als neutrale Dritte unter die Lupe nehmen sollten. Vertrauen und bürgerschaftliches Engagement ist dem Hyperindividualismus nicht flächendeckend zum Opfer gefallen. Ein Rückgang ist vor allem bei den Parteien, Gewerkschaften und Kirchen zu verzeichnen. Den größten Vertrauensschwund gibt es allerdings im politischen Bereich - und dies nicht überraschend weltweit. Alle modernen Staaten kämpfen mit einem wachsenden Misstrauen ihrer Bevölkerungen.

          Bildung als Heilmittel gegen die Erosion

          In den anderen Beiträgen - insbesondere in denen zu Großbritannien, Schweden, Frankreich und Deutschland - wird zudem deutlich, dass der Rückgang, hervorgerufen durch wachsende soziale Ungleichheit, durch die Bildungsrevolution in den 60er und 70er Jahren aufgefangen werden konnte.
          Die Ausweitung der Bildung scheint ein Heilmittel gegen die Erosion des Sozialkapitals zu sein. Gerade Frauen kam die Bildungsrevolution zugute. Sie füllen jetzt die Lücken, die durch den Zerfall der alten Verbandsformen entstehen.

          Wenn aber Bildung das Vademecum ist, so dürfte einigermaßen klar sein, dass damit nicht die traditionellen Formen von Gemeinschaft gestärkt werden, für die Putnam so schwärmt.

          Die Nachbarschaft und die Kirchengemeinde sind nun einmal nicht jedermanns Sache. Die Freiheit, meine eigene Gruppe zu wählen, gehört heute zu den Voraussetzungen, unter denen sich neue Formen des Engagements entfalten. Hat man diese Perspektive erst einmal akzeptiert, wird Putnam schnell zu einem antiliberalen und gemeinschaftssüchtigen Nostalgiker.

          Es gibt länderspezifische Wege

          Aber vielleicht hat Putnam in seinen eigenen Untersuchungen auch nur das Falsche gemessen, nämlich die leicht feststellbaren Mitgliederzahlen von Vereinen. Seine Autoren sind da viel vorsichtiger. Sie beziehen auch die neuen Formen des Engagements mit ein, obwohl diese schwieriger zu quantifizieren sind. Ohne formale Mitgliedschaft, ohne hinreichende zeitliche Dauer, projektbezogen und wo möglich auch noch am eigenen Spaß orientiert - das kann zu Fehlwahrnehmungen führen.

          Die Studie zeigt, dass es länderspezifische Wege gibt. Amerika ist nicht die Avantgarde in Sachen Niedergang - auch wenn es vielleicht etwas mehr PCs und viel mehr Fernsehkonsum vorweisen kann. Vielleicht können wir in Europa von einem Wiedererwachen der Bürgergesellschaft sprechen, ohne den klebrigen Begriff „Gemeinsinn“ dafür benutzen zu müssen.

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