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Rezension : Das Nichts ist eine Fiktion

  • -Aktualisiert am

Bild: Hatje Cantz

Die Bilder von Wolfgang Tillmans sind abstrakter geworden. Ein Katalog versammelt sie anlässlich der Ausstellungstournee des Künstlers.

          Die Ablösung vom Gegenstand, die Wolfgang Tillmans in seinen jüngsten "Blushes", "Mental Pictures" und "Strings of Life" praktiziert, wirkt zunächst wie eine neue Strategie. Als wolle sich der Fotograf von seinem bisherigen Image des trendigen Zeitgeistchronisten lösen.

          In dem opulenten Bildband, der nun anlässlich seiner Hamburger Ausstellung erschienen ist und neben einem Text Giorgio Verzottis auch ein ausführliches Tillmans-Interview von Nathan Kernan enthält, überwiegt das formale Experiment. Die malerisch anmutenden "Mental Pictures" kreisen um Licht und Farbe. Organische Strukturen verschwimmen darin zu amorphen Wirbeln. Die lassen im Kopf des Betrachters dann doch wieder Konkreteres entstehen: etwa ein Meer aus Blüten oder eine Unterwasserwelt.

          Das Nichts

          Im Gegensatz dazu thematisieren die "Blushes", in denen zarte Farbgespinste wie ein Hauch auf der Bildoberfläche zu schweben scheinen, "die Idee des 'Nichts'". So drückt es Tillmans im Gespräch mit Nathan Kernan aus. Eine Fiktion, wie er selbst einräumt, denn letztlich bestehe alles aus Materie: "Aber vielleicht gehört es zu meiner Idee von Nichts, dass in Bezug auf die Materialität letztlich alles ziemlich gleich ist ... die Atomdichte von Luft unterscheidet sich zum Beispiel wenig von der eines Steins - um diese Idee geht es mir. Und um unser selektives Sehen."

          Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum für den Fotokünstler die Beschäftigung mit der Abstraktion keinen wirklichen Bruch mit seiner bisherigen Vorgehensweise bedeutet. Ein Charakteristikum von Tillmans Werk ist bisher immer die Vielfalt gewesen. Porträts, Stilleben, Interieurs und Landschaften existieren in seinem Oeuvre gleichberechtigt nebeneinander. Seine aktuellen Bilder aus der Londoner U-Bahn, die Details wie Hände, Arme und Achselpartien im Close-up zeigen, changieren zwischen Reportage, Porträt und Abstraktion. Sie sind auch in der Kompilation "Aufsicht" enthalten. Ebenso wie streng komponierte Stilleben und tatsächliche "Aufsichten": Stadt- und Landschaftsaufnahmen von einem Hochhaus, Turm oder Flugzeug aus. Der Blick von oben offenbart wiederum, wie Verzotti treffend bemerkt, "abstrakte Schemata".

          Abstraktionspotential

          Fotos ohne Kamera - so die "Blushes" und "Mental Pictures" - würden die Lesart seiner gegenständlichen Bilder verändern, glaubt Tillmans. In der Tat sorgen sie für einen Wahrnehmungs-Shift: Nach Betrachtung und Lektüre des Katalogs ist man geneigt, seine bisherigen Arbeiten insgesamt auf ihr Abstraktionspotential hin zu überprüfen. Aber es funktioniert eben auch umgekehrt: Denn im Lichtspiel der neuen Abstraktionen kann man, wie erwähnt, auch das Gegenständliche finden. Tillmans entzieht sich in seinem jüngsten Werk wieder erfolgreich der Festlegung.

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